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Tipps

"Wie kann ich einem traumatisierten Kind helfen?"

"Struktur und Verlässlichkeit sind die Basis dafür, damit Traumata heilen können", sagt Stefan Schröder, Traumapädagoge vom Institut für Traumapädagogik Berlin. Genau das können pädagogische Fach- und Lehrkräfte geflüchteten Kindern in Kita, Hort und Grundschule bieten.

Verschwommene Füße eines Kindes, das über den Kitaboden läuft.
© Stiftung Haus der kleinen Forscher
Einfach nur weglaufen: Aus einer traumatischen Situation gibt es kein Entkommen. Hilfreich zur Heilung sind ein strukturierter Alltag und verlässliche Beziehungen

Ein traumatisches Erlebnis ist eine Situation, der ein Mensch hilflos ausgeliefert ist. Er kann weder kämpfen, noch kann er fliehen. Das kann durch einen Unfall hervorgerufen werden oder auch gewaltsam. "Viele Menschen erstarren in solch einem Moment. Sie erstarren, um dieses schweres Erlebnis unbeschadet zu überstehen", sagt Stefan Schröder.

Der Traumapädagoge aus Berlin gab während der Netzwerkstatt des Berliner Bündnisses für Kinder geflüchteter Familien, Willkommen Konkret, einen Workshop zum Thema "Trauma im Kontext von Flucht und Vertreibung".

"Mit Ihrer Arbeit legen Sie den Grundstein für eine gesunde Gesellschaft"

Die drängendsten Fragen lauteten: "Was kann ich tun? Was muss ich tun? Wie kann ich den Kindern, mit denen ich arbeite, für die ich mich auch verantwortlich fühle und zu denen ich eine Beziehung aufgebaut habe, wie kann ich ihnen helfen?" Stefan Schröders Antwort war überraschend kurz, aber auch einleuchtend einfach: "Machen Sie Ihre Arbeit."

Pädagogische Fach- und Lehrkräfte müssten nicht therapieren können. "Sie geben den Kindern alleine durch das, was sie jeden Tag tun, ganz viel." Erst durch eine feste Struktur im Alltag, die ihnen Sicherheit gibt, haben sie überhaupt die Chance, ihr Trauma zu verarbeiten. "Dadurch geben Sie ihnen die Möglichkeit, zu heilen und Sie legen damit die Basis für eine gesunde Gesellschaft. Das sollte Ihnen allen klar sein", betonte er noch einmal eindringlich.

Du gibst ihnen die Möglichkeit, in Ruhe spielen zu können. Das ist großartig!

Dem jungen Mann, der als Sozialarbeiter in einer Notunterkunft 80 Kinder mit einer weiteren Fachkraft betreut und der seine Not schilderte: "Was kann ich tun? Ich sehe doch, dass es vielen nicht gut geht!", half Stefan Schröders Rat enorm: "Du gibst ihnen die Möglichkeit, in Ruhe spielen zu können. Das ist großartig! Bei den Strukturen, die du schilderst, kannst du nicht auf jedes einzelne Kind eingehen." Es sei immens wichtig, dass pädagogische Fach- und Lehrkräfte erkennen würden, was sie leisten, anstatt daran zu verzweifeln, was sie nicht tun könnten.

"Geben Sie den Kindern einen strukturierten Alltag und verlässliche Beziehungen"

Stefan Schröder sitzt im weißen Seminarraum auf einem Stuhl.
© Stiftung Haus der kleinen Forscher
Stefan Schröder ist Traumapädagoge aus Berlin.

"Die Basis, damit Menschen von ihren Traumata heilen können, ist ein strukturierter Alltag mit verlässlichen Beziehungen." Der Beitrag, den pädagogische Fach- und Lehrkräfte hierfür leisteten, sei enorm: In der Kita oder der Grundschule können Erzieherinnen und Erzieher den Kindern, deren Eltern es durch eigene Traumatisierung oder die Umstände auf der Flucht nicht möglich ist, ihnen einen geregelten Alltag zu bieten und sich zu kümmern, Struktur im Alltag bieten. "Je stärker die Traumatisierung ist, umso stärker erschüttert diese Menschen jede kleine Veränderung", sagt Stefan Schröder.

Stark traumatisierte Menschen kann es aus der Bahn werfen, wenn die Sitzordnung geändert wird, wenn der Tagesplan sich auf einmal anders gestaltet als verabredet und, und, und. Ganz wichtig ist es, sie dann mitzunehmen und auf die Veränderungen vorzubereiten. "Das klappt meist sehr gut, wenn man diese Menschen konkret mit in Entscheidungen über Änderungen einbezieht", so der Traumapädagoge.

Emotional abgrenzen

Oft beobachte er, dass gerade freiwillige Helfer unter der Last der Gräuel und Erlebnisse, die ihnen erzählt und viel öfter auch nicht erzählt würden, zusammenbrechen. "Sie werden erdrückt von den Vorstellungen, was diesen Kindern alles passiert sein kann oder passiert sein muss. Es ist wichtig, sich abzugrenzen."

Stefan Schröder beobachtet die Sorge der pädagogischen Fach- und Lehrkräfte vor der Aufgabe, traumatisierte Kinder mit Fluchterfahrung in ihre Klassen und Gruppen integrieren zu müssen. "Das ist eine große Herausforderung, denn man kann davon ausgehen, dass 90 Prozent der Menschen, die vor Krieg und Terror geflohen sind, traumatische Erfahrungen gemacht haben." Je früher diese Traumata therapiert würden, desto höher sei die Chance, dass sie auch heilten.

Aber oft sei eine Therapie erst einmal gar nicht möglich. Zuerst muss das Leben wieder in geregelten Bahnen verlaufen: "Es macht keinen Sinn, eine Therapie mit einem Kind zu beginnen, wenn sein Alltag absolut chaotisch ist, wenn es noch in einer Notunterkunft wohnt und nicht klar ist, wie lange es dort bleiben wird und wie es weitergehen wird."

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