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Interview

Deutsch lernen, aber die Muttersprache bewahren – Stadtteilmütter helfen Familien bei der Integration

Sophia Schuster (35) und Viktoria Boole (36) leben seit mehr als 15 Jahren in Deutschland. Sie haben in Deutschland studiert und Familien gegründet. Ihre Kinder wachsen zweisprachig auf. Sophia Schuster kommt aus Georgien, Viktoria Boole aus Russland. Sie wissen, wie wichtig Sprache ist, um sich in einem neuen Land zu integrieren. Wir haben sie im Mai 2016 beim Workshop "Forschen mit Wasser" getroffen.

Frau Boole, Frau Schuster, Sie engagieren sich seit 2004 ehrenamtlich als Stadtteilmütter und haben sich nun im "Haus der kleinen Forscher" zu Trainerinnen weitergebildet. Als Stadtteilmütter befassen sie sich aber vor allem mit dem Thema "Sprachbildung". Wie passen Sprache und Forschen für Sie zusammen?

Stadtteilmutter beim Foschen mit Wasser
Stadtteilmutter Sophia Schuster forscht mit Wasser.

Sophia Schuster: "Durch das Experimentieren machen Kinder sehr viele sinnliche Erfahrungen. Diese Eindrücke fördern die kognitive Entwicklung der Kinder, aber auch die sprachliche Entwicklung. Wichtig ist, dass alle Beteiligten das Forschen sprachlich begleiten. Vor allem die Kinder sollen kommentieren oder Vermutungen äußern. Oder sie benötigen, ganz profan, einfach mehr Wasser und fragen danach. Obwohl nicht die Sprache, sondern das Tun im Vordergrund steht, regt Forschen den Dialog an. Die Sprechhürde ist viel geringer."

Viktoria Boole: "Und letztlich verknüpfen die Kinder durch das Sehen, Riechen, Tasten, Schmecken, Wiederholen und Hören die Gegenstände und Handlungen mit den Wörtern. So lernen sie die Sprache viel intensiver."

Die Lernbegleitung beim forschenden Lernen ist nur ein Teil Ihrer Tätigkeit. Wie können wir uns die Arbeit einer Stadtteilmutter vorstellen?

Zuhause soll weiterhin die Muttersprache gesprochen werden.

V. B.: "Wir wollen mit den Müttern ins Gespräch kommen und sie miteinander ins Gespräch bringen. Wir unterstützen sie bei Erziehungsfragen und helfen ihnen dabei, ihre Kinder erfolgreich zwei- oder mehrsprachig zu erziehen. Dafür stehen wir auch im engen Kontakt mit den Kitas."

S. S.: "In der Altersgruppe der 0 bis 3-Jährigen arbeiten wir in der Mutter-Kind-Gruppe "Hand in Hand" mit Eltern und Kindern. Das läuft wie in einer normalen Spielgruppe, nur dass die Kinder in zwei Sprachgruppen spielen. Eine Gruppe spricht Deutsch, die andere Gruppe, z.B. unterstützt von der Stadtteilmutter, die Muttersprache. Irgendwann wird dann getauscht. Das unterstützt die Zweisprachigkeit und ist wichtig für die Sprachbildung. Wenn die Kinder dann in die Kita kommen, treffen wir uns nur noch mit den Müttern und geben ihnen Tipps, meistens auf Deutsch."

Wie können Sie als Stadtteilmütter die Mehrsprachigkeit in der Kita fördern?

Stadtteilmutter erforscht Eis mit Pädagoginnen
Stadtteilmutter Victoria Boole bei der Fortbildung "Forschen mit Wasser".

S. S.: "Indem wir mit den Kitas kooperieren und die Lernangebote mit den Eltern abstimmen. Wir bieten Übungsblätter in verschiedenen Sprachen an, zum Beispiel ein Bild des menschlichen Körpers. Zuhause sprechen die Mütter mit den Kindern in ihrer jeweiligen Sprache über den Körper und die Körperteile. Und in der Kita wird dasselbe Thema dann in deutscher Sprache behandelt."

V. B.: "Zu Hause soll die Muttersprache nicht mit Deutsch gemischt werden, weil sonst Kauderwelsch herauskommt. Erst recht, wenn die Eltern noch nicht gut Deutsch können."

S. S.: "Durch die Wiedererkennung der Vokabeln in der Kita lernen die Kinder dann effektiv Deutsch und festigen gleichzeitig ihre Muttersprache. Diese Verknüpfung ist für uns der Schlüssel zur Sprachbildung."

Stoßen Sie auch auf Kritik, etwa bei Menschen, die es problematisch finden, wenn Eltern zuhause nur ihre Muttersprache sprechen?

Ich wusste damals nicht, ob es ok ist, dass ich mit meinem Sohn Russisch spreche.

S. S.: "Diese Kritik gibt es nach wie vor. Es ist ja genau unsere Aufgabe zu erklären, wie wichtig es ist, die Muttersprache zu sprechen und zu bewahren. Mit der Muttersprache verbunden sind Emotionen, Gefühle, Kultur und vieles mehr. All das können Menschen am besten in der eigenen Muttersprache ausdrücken. Erst wenn wir Geflüchtete oder Menschen mit Migrationshintergrund so annehmen, wie sie sind - mit ihrer Kultur und ihrer Sprache, wenn wir ihnen das Gefühl geben, dass sie willkommen sind - erst dann ermöglichen wir ihnen, die deutsche Kultur und deutsche Sprache anzunehmen und als Teil ihres Alltags zu betrachten."

Wie können Sie insbesondere Erzieherinnen und Erzieher noch dabei unterstützen, geflüchtete Kinder zu integrieren?

S. S.: "Daran arbeiten wir gerade sehr intensiv. Wir möchten bald sowohl Übersetzer und Übersetzerinnen als auch sogenannte Kulturvermittlerinnen und -vermittler als Vertrauenspersonen an Kitas vermitteln. Das können Stadtteilmütter oder von uns geschulte mehrsprachige Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sein, die entweder die jeweilige Sprache sprechen oder aus dem Land kommen."

S. S.: "Sehr viele Kinder und Eltern sind durch die Stadtteilmütter selbstsicherer geworden und haben einen guten Anschluss zu anderen Eltern bzw. Kindern gefunden. Sie haben gesehen: "Ich bin nicht allein, es geht anderen genauso!"

V. B.: "Wenn man aus einem fremden Land kommt, ist man erst einmal verunsichert: Ich wusste damals nicht, ob es ok ist, dass ich mit meinem Sohn Russisch spreche: Er sollte doch Deutsch lernen. Die Stadtteilmütter haben uns da sehr geholfen. Die Mütter werden aktiv in den Kindergarten eingebunden, so dass sie sich mehr zutrauen und irgendwann selbst auf die Erzieherinnen und Erzieher zugehen und mit ihnen sprechen. Für uns ist es wichtig, dass sich die Eltern wohlfühlen. Nur dann kann es auch den Kindern gut gehen."

Was zeigt Ihnen, dass Ihre Arbeit Wirkung entfaltet?

S. S.: "Sehr viele Kinder und Eltern sind durch die Stadtteilmütter selbstsicherer geworden und haben einen guten Anschluss zu anderen Eltern bzw. Kindern gefunden. Sie haben gesehen: "Ich bin nicht allein, es geht anderen genauso!"

V. B.: "Wenn man aus einem fremden Land kommt, ist man erst einmal verunsichert: Ich wusste damals nicht, ob es ok ist, dass ich mit meinem Sohn Russisch spreche: Er sollte doch Deutsch lernen. Die Stadtteilmütter haben uns da sehr geholfen. Die Mütter werden aktiv in den Kindergarten eingebunden, so dass sie sich mehr zutrauen und irgendwann selbst auf die Erzieherinnen und Erzieher zugehen und mit ihnen sprechen. Für uns ist es wichtig, dass sich die Eltern wohlfühlen. Nur dann kann es auch den Kindern gut gehen."

INFO:

Mehr Informationen zum Engagement der Stadtteilmütter in Augsburg liefert die Seite des "Deutschen Kinderschutzbund Kreisverbands Augsburg e. V."

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