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Interview aus der Facebook-Gruppe

"Sprachlernsituationen? Die gibt es überall im Alltag!"

Deutsch lernen Kinder ganz schnell – und zwar dann, wenn sie mit anderen, deutsch sprechenden Menschen kommunizieren wollen, sagt Prof. Sandra Niebuhr-Siebert. Sie leitet den Studiengang Sprache und Sprachförderung in Sozialer Arbeit an der Fachhochschule Clara Hoffbauer Potsdam.

Experten im Live-Chat

Prof. Sandra Niebuhr-Siebert beantwortete in einem Live-Chat die Fragen der Mitglieder in unserer Facebook-Gruppe. Hier gibt es ihre Antworten zum Nachlesen.

Zur Facebook-Gruppe
Eine Frau steht vor einer Klasse und hält ein Bild im Arm auf dem steht: Sag doch was!!
Prof. Sandra Niebuhr-Siebert leitet den Studiengang Sprache und Sprachförderung in Sozialer Arbeit an der Fachhochschule Clara Hoffbauer Potsdam.

Was brauchen Kinder, um eine Sprache zu lernen?

Sandra Niebuhr-Siebert: "Sprache lernen Kinder im Alltag. Und zwar immer, wenn andere mit ihnen sprechen. Dabei ist es egal, ob es Kinder oder Erwachsene sind. Sprache ist nämlich vor allem eines: ein großartiges Kommunikationsmittel!"

Ist es im Kindergarten sinnvoll, regelmäßig Kleingruppenangebote zur Sprachförderung für Kinder auf gleichem Sprachniveau zu machen?

S. N.-S.: "Wer Freude hat und den Wunsch sich mitzuteilen, wird in der Interaktion am meisten lernen. Und dann ist es eigentlich egal, ob andere auf ähnlichen Niveaustufen sind oder weiter. Kleingruppen nach Niveaus zu unterteilen kann leicht zu Stigmatisierungen führen: Wer ist schlechter? Ist der andere besser? Außerdem sind Einteilungen in Niveaus schwierig: Nach welchen Kriterien wird da unterschieden?

Natürlich gibt es Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen und Kinder, die noch kein Deutsch sprechen, die mehr von uns Erwachsenen benötigen. Aber auch dann gilt: nicht separiert. Diese Kinder können Sie an die Hand nehmen, um dann gemeinsam mit ihnen tapfer durch den Tag zu marschieren."

Bei uns im Kindergarten bilden sich Spielgruppen in verschiedenen Sprachen. Ich möchte das nicht unterbinden, sehe aber auch deutliche Nachteile. Wie gehe ich da am besten vor?

S. N.-S.: "Dass sich Spielgruppen in verschiedenen Sprachen bilden ist nur selbstverständlich und hängt damit zusammen, dass Kinder ihre Sprachkompetenz nutzen, um sich auszutauschen. Das ist wunderbar! Eine ganz selbstverständliche, natürliche Situation. Wollten wir das ändern, um ihnen nur Deutsch beizubringen, dann bringen wir sie (zunächst) zum Schweigen. Besser wäre es aus meiner Sicht, diese Spielsituationen zuzulassen; sie sind lebendig! Zusätzlich sollten die pädagogischen Fach- und Lehrkräfte aber auch interessante Sprechanlässe mit Deutschsprachigen schaffen. Das Ziel sollte Zweisprachigkeit sein.

Passend dazu kann ich Ihnen das Buch Mehrsprachigkeit in der Kita von meiner Kollegin Solveig Chilla und mir empfehlen. Es hält viele Anregungen bereit."

Die Verlage überschwemmen die Einrichtungen geradezu mit so genannten DAZ-Materialien – und in diesen Paketen sind auch immer Bildkarten. Ich dachte, die wären unablässlich?

Wirklich wichtig sind echte Zeit, Sprechanlässe und Zuneigung.

S. N.-S.: "Wirklich wichtig sind echte Zeit, Sprechanlässe und Zuneigung – aber im Gegensatz zu Bildkarten können Verlage das ja nur schlecht verkaufen. Generell kann ich nur immer wieder sagen: Bilder können unterstützen, um über Erlebtes zu sprechen. Das muss dann aber wirklich auch erlebt worden sein. Reine Sprachlernsituationen mit Bildkarten sind eher 'Wir-tun-so-als-ob'-Lernsituationen. Die Kommunikation ist dann möglicherweise initiiert und nicht authentisch.

Entscheidend ist in der Sprachförderung, dass Kinder sprachliche Strukturen entdecken, die Grammatik einer Sprache. Und die steckt im sprachlichen Input und nicht im Benennen von Bildkartenabbildungen. Wenn Kinder in solchen Settings etwas über Sprache lernen, dann deshalb, weil wir während des Benennens mit ihnen reden und ihnen positive Rückmeldungen geben: Wir sehen sie an, wir reden mit ihnen, wir beschäftigen uns mit ihnen.
Erst wenn Kinder Entwicklungsstörungen oder Hörstörungen aufweisen, bedürfen sie zusätzliche Hilfe, aber eben auch nicht zwangsläufig Bildkarten – außer sie helfen durch ihre Abbildungen, Wünsche und Bedürfnisse deutlich zu machen und den Alltag zu strukturieren."

Haben Sie einen Tipp, wofür ich die Bildkarten einsetzen könnte?

S. N.-S.: "Bildkarten sind nur Abbilder von Wirklichkeit. Besser sind Dialoge, Aktionen, echte, spannende Auseinandersetzungen. Bilder könnte man als Fotoalbum einsetzen, wenn man sich daran erinnern will, was man erlebt hat. Jedes Kind, jede Gruppe kann so sein eigenes Foto- oder Bilderalbum mit seinen Erinnerungen erstellen."

Aber brauche ich nicht etwas Besonderes? Wie funktioniert Sprachlernen denn ohne extra Material?

S. N.-S.: "Wie Sprachlernen ohne gesonderte Angebote funktioniert? Na, ganz wunderbar. In Dialogen, im Miteinandersein. Inputqualität und Inputquantität sind die entscheidenden Größen, Separierungen helfen uns Erwachsenen Komplexität zu reduzieren und in kleineren Gruppen intensiver auf einzelne Kinder eingehen zu können. Das ist hilfreich aber eben nicht das hinreichende Kriterium für ein sprachförderndes Verhalten. Das ist immer das Initiieren von Sprechanlässen – egal wie."

Mit Hilfe von welchen Angeboten kann ich diese Sprechanlässe am besten initiieren?

S. N.-S.: "Mit allen, die interessant sind und Freude machen. Genau die machen Kinder deshalb gern und häufig und sie können sich die dazu passenden Bezeichnungen besser merken. Und wenn Sie der Sprache selbst mehr auf den Grund gehen wollen, dann am besten anhand von Lyrik. Auch das geht mit Kindern sehr gut. Deswegen singen Sie viel und sprechen einfache Reime mit den Kindern.

Was Sie hingegen unbedingt vermeiden sollten, sind Stigmatisierungen der Kinder: stellen Sie sie nicht als unwissend dar. Umgehen Sie Lernsituationen, in denen Kinder in ihrer Sprachkompetenz zum Schweigen gebracht werden, weil sie nur auf Deutsch sprechen dürfen. Deutsch lernen Kinder, wenn es ihnen wichtig ist, mit Deutschsprechenden zu kommunizieren. Das ist doch ein guter Grund. Aber deshalb haben sie immer noch genauso gewichtige Gründe, um in ihrer Herzens- und Muttersprache zu leben, zu lieben und eben auch zu sprechen."

Hintergrund

Die Forschungsschwerpunkte von Prof. Sandra Niebuhr-Siebert sind der Erwerb und die Diagnostik von Deutsch als Erst- und Zweitsprache, Kreativ-ästhetische Sprachförderung ein- und mehrsprachiger Kinder, Spracherwerbsstörungen, Mediengebrauch und Sprachlernen, Förderung von Lese-Rechtschreibprozessen mehrsprachiger Kinder.

Sie engagiert sich als Referentin für die Stiftung Lesen und ist Mitglied im Aufsichtsrat von Yaylas Wiese e.V., einem gemeinnützigen Verein aus Berlin, der Menschen zusammenbringt, um gemeinsam aktiv zu lernen.

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