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Interview

"Wie gehe ich mit verletzten Kinderseelen um?"

Trennungen und Umzüge können Kinder unter Umständen traumatisieren und damit die Zerstörung von bereits erworbenen Bindungen bewirken. Kinderpsychotherapeut Dr. Hans Hopf erklärt im Interview, wie pädagogische Fach- und Lehrkräfte Symptome erkennen können und gibt Tipps, wie sie die Kinder unterstützen können.

Junge mit ausgestreckter Hand
© iStock/Bodnarchuk
Traumatisierte Kinder brauchen Hilfe und Unterstützung.

Über den Kinderpsychotherapeuten

Dr. Hans Hopf wurde 1942 in Teplitz-Schönau im heutigen Tschechien geboren. Er studierte Pädagogik und wurde Lehrer an Grund- und Hauptschulen. Eine Ausbildung zum analytischen Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten an der Stuttgarter Akademie für Tiefenpsychologie und Psychoanalyse folgte. Er ist Autor des Buches "Flüchtlingskinder - gestern und heute."

Sie sagen, dass Kinder durch häufige Trennungen und Umzüge mehrfach traumatisiert werden können. Was können pädagogische Fach- und Lehrkräfte dann tun?

Dr. Hans Hopf: "Es ist in jedem Kind biologisch angelegt, dass es sich eine Bindungsperson sucht, die es schützt und pflegt. Wenn Kinder viele Trennungen erleben, kann das ihr Bindungsverhalten zerstören. Jetzt muss alles getan werden, um wieder eine sichere Bindung herzustellen. Die Bezugspersonen müssen zu Bindungspersonen werden.

Um das zu erreichen, sollten Sie viel Zeit mit den traumatisierten Kindern verbringen. Eine feinfühlige Bindungsperson versucht die Signale des Kindes wahrzunehmen, interpretiert sie richtig und geht angemessen und rasch auf sie ein."

Welche Folgen können Bindungsstörungen hervorrufen?

H. H.: "Als Folge von Traumata und Bindungsstörungen können zum Beispiel Spielstörungen auftreten. Sie können sich unterschiedlich äußern. Einige Kinder haben Probleme bei der Regulierung von Wut und Angst. Kinder, die Zeugen von Gewalt geworden sind und auf der Flucht waren, reagieren – scheinbar aus dem Nichts – aggressiv. Kindliche Aggressionen machen erst hilflos, dann wütend. Wir versuchen uns oft zu rächen – und das darf niemals geschehen.

Typische Folgen der Traumata können auch eine Hemmung der Fantasie und der Kreativität sein. Kinder mit Spielstörungen werden durch Spielsachen nicht mehr ausreichend motiviert, ein kreatives Spiel zu beginnen. Dazu gehört auch, dass solche Kinder nur schwer zu zweit oder in Gruppen spielen können. Viele fangen nicht an, brechen rasch ab oder das Spiel artet in Unruhe und aggressiver Zerstörung aus.

Leider wird dieses Verhalten nicht selten als ADHS diagnostiziert und mit Methylphenidat (Ritalin) behandelt. Das verspricht zwar rasche Symptombewältigung, ist jedoch keine angemessene Lösung, um verletzte Kinderseelen zu heilen."

Sollte ich über die traumatischen Erlebnisse reden?

H. H.: "Ich sollte nicht über die traumatischen Erlebnisse reden, ich sollte meinen Beziehungspersonen zuhören. Wenn ich ein teilnehmender Gesprächspartner bin, können Gespräche entlasten. Psychisches Leid muss sehr ernst genommen werden und sollte niemals als persönliche Schwäche diskriminiert werden."

Ab wann sollten wir bei einem Trauma Hilfe holen?

H. H.: "Immer dann, wenn ein Kind leidet. Was ein Kind als Belastung empfindet, ist sehr individuell und kann sehr unterschiedlich sein. Wir dürfen daher nicht von uns ausgehen. Es gilt, sich stets am Kind zu orientieren."

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