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Interview

Mit Traumapädagogik mehr über die eigenen Grenzen lernen

Mit einem einzigartigen Projekt können sich pädagogische Fachkräfte in Schleswig-Holstein zu Traumapädagogik fortbilden und begleiten lassen. Projektleiterin Marie Pagenberg erklärt das Angebot, zieht Bilanz und gibt Tipps.

Eine Gruppe von Pädagoginnen sitzt im Kreis. Sie haben Handpuppen eines Bären mit Krone auf den Knien.
© Wendepunkt e. V.
Der "Kummerkönig" kann pädagogischen Fachkräften helfen, Trauma zu thematisieren

Könnten Sie in eigenen Worten beschreiben, was TiK zum Ziel hat und wie es funktioniert?

Das Projekt "TiK - Traumapädagogik in Kindertagesstätten und Familienzentren" – hat sich einerseits zum Ziel gesetzt, pädagogische Fachkräfte in den benannten Einrichtungen zu traumapädagogischen Inhalten fortzubilden. Andererseits sollen die Fachkräfte durch Supervision und Beratung entlastet und in ihrem pädagogischen Handeln unterstützt werden. Das Projekt trägt aber auch dazu bei, dass den Fachkräften deutlich wird, wo ihre Grenzen sind und wo sie sich in der Begleitung von Kindern mit belastenden oder mit traumatisierenden Lebenserfahrungen Unterstützung holen müssen. Wichtig ist auch, dass das Projekt dazu beiträgt, dass die Kinder in den Einrichtungen einen sicheren Ort finden. Das Tolle ist: All diese Angebote können wir durch die Finanzierung durch das schleswig-holsteinische Familienministerium unentgeltlich anbieten.

Welche Beobachtungen in Einrichtungen und welche Konstellation in Schleswig-Holstein hat dazu geführt, dass TiK entstand?

Die Einrichtungen im Lande haben in den vergangenen Jahren immer wieder zurückgemeldet, dass sie zunehmend hochbelastete oder traumatisierte Kinder in ihrer Betreuung haben. Zum Beispiel Kinder, deren Eltern sich mit viel Streit getrennt haben oder die einen schlimmen Unfall erlebt haben. Aber auch Eltern, die durch Flucht- und Migrationserfahrungen hoch belastet sind. Diese Stimmen hat das Familienministerium sehr wohl vernommen und im Jahr 2016 das Projekt auf die Beine gestellt.

Was brauchen Fachkräfte und Einrichtungen im Bereich Trauma und was bieten Sie ihnen?

Porträt von Marie Pagenberg
© privat
Marie Pagenberg

Was sie brauchen entscheiden die Fachkräfte in erster Linie selbst. Das ist das Schöne an diesem Projekt. Es gibt die drei Angebotssäulen: Fortbildungen, Supervision und Beratung und der konkrete Bedarf wird uns von der Kita gemeldet. Es geht darum, wirklich bedarfsorientiert und flexibel auf die Meldungen, die da aus den Kitas kommen, reagieren zu können. Ein großer Vorteil ist, dass wir unsere Angebote auch als Inhouse-Schulungen anbieten, was logistisch für viele Kitas viel einfacher ist. So können Sie an einem Tag gleich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schulen.

Die Angebote können auch kombiniert wahrgenommen werden: Nur weil eine Einrichtung beispielsweise eine Inhouse-Schulung in Anspruch genommen hat, heißt das nicht, dass sie nicht auch noch Supervision oder Beratung wahrnehmen kann oder einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in bis zu neuntägige Fortbildungen schicken kann.

Wo liegen die Grenzen des Programms?

Inhaltlich in der Tatsache, dass traumapädagogisches Arbeiten ein wesentlicher und wichtiger Beitrag ist, um belastete Kinder in den Einrichtungen zu unterstützen, dass es aber keine traumatherapeutische Arbeit ist, um die es da geht. Es geht ganz klar darum, diese Grenze aufzuzeigen, zu benennen, sich bewusst zu sein, an welcher Stelle Therapeuten Prozesse unterstützen und begleiten müssten und pädagogische Fachkräfte auch nicht mehr die Verantwortung haben. Es geht auch um den Selbstschutz der Fachkräfte.

Was müssen Fachkräfte in Schleswig-Holstein tun, die am TiK-Programm teilnehmen möchten?

Das Verfahren ist bewusst einfach. Es gibt im Land drei Projektträger, die das Projekt im Auftrag des Familienministeriums durchführen: Der Verein Wendepunkt aus Elmshorn, der Deutsche Kinderschutzbund Schleswig-Holstein, Landesstelle Kiel und das IBAF, Institut für berufliche Aus- und Fortbildung in Rendsburg, die jeweils für eine Region zuständig sind. Kitas oder pädagogische Fachkräfte können sich direkt an eine dieser drei Trägerorganisation vor Ort wenden und ihren Bedarf dort formulieren. Gerade bei Supervisions- und Beratungsanfragen ist es ganz wichtig, dass schnell reagiert wird.

Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis aus anderthalb Jahren TiK?

Ich glaube, die wichtigste Erkenntnis, oder eher eine Art erstes Fazit ist, dass das Projekt sehr gut angenommen wird. Trotz hoher Arbeitsbelastung wird gezielt so abgewogen, dass die Kitas es ihren Mitarbeitern ermöglichen, diese Angebote wahrzunehmen. Das finde ich erst einmal eine wichtige Erkenntnis: Es wird wahrgenommen, es wird gut wahrgenommen und auch kombiniert wahrgenommen. Das heißt, Einrichtungen setzen sich sehr intensiv und auf den verschiedenen Wegen, die das Projekt bietet, mit dem Thema Traumapädagogik auseinander. Teilweise hat es sogar zur Folge, dass die Konzeption geändert oder überarbeitet wird, oder sich mit Fragestellungen auseinandergesetzt wird, wie "Sind wir schon ein sicherer Ort im Sinne der Traumapädagogik, oder wie werden wir ein noch sichererer Ort?". Fakt ist auch, dass das Projekt letztendlich allen Kindern zu Gute kommt und nicht nur denen mit hochbelastenden oder traumatisierenden Lebenserfahrungen und Umständen.

Trauma ist ein Thema, das aus den Einrichtungen in die Politik getragen werden muss.

Was würden Sie anderen raten, die ähnliche Initiativen starten möchten?

Bedarfe melden, Bedarfe auch sammeln, vielleicht zusammen mit anderen Einrichtungen. Ich denke schon, dass es ein Thema ist, was aus den Einrichtungen heraus in die Politik transportiert werden muss. Schleswig-Holstein kann hier als gutes Beispiel dienen, um zu zeigen, wie erfolgreich ein solches Projekt sein kann.

Was wissen Sie bereits über die Zukunft von TiK?

Das Projekt TiK wird auf jeden Fall bis Ende 2018 vollumfänglich weiterlaufen, das heißt mit all den Angeboten, die es von Anfang an gab. Wir sind dabei, regelmäßig neue Angebote zu entwickeln. So gibt es jetzt zum Beispiel bei allen Trägern offene Supervisionsgruppen, in denen sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedener Einrichtungen austauschen können. Der Bedarf der Fachkräfte an traumapädagogischem Know-How wird auch über das Jahr 2018 hinaus bestehen. Eine besondere Stärke von TiK-SH ist ja die unproblematische Möglichkeit, sich Fortbildung, Beratung und Supervision ins Haus zu holen und die Fachkräfte in ihrer täglichen Arbeit mit hochbelasteten und traumatisierten Kindern zu unterstützen. Wir werden daher beim Familienministerium dafür werben, dass die Landesfinanzierung auch im Jahr 2019 fortgeführt wird. Wir sind da aber sehr zuversichtlich, da der Erfolg des Projektes auch im Familienministerium wahrgenommen und unsere Arbeit sehr wertgeschätzt wird.

Marie Pagenberg

Marie Pagenberg ist Diplom-Pädagogin, war Kita-Leiterin und Erzieher-Ausbilderin, und leitet seit 2016 das Projekt "Traumapädagogik in Kindertagesstätten und Familienzentren" im Institut für berufliche Aus- und Fortbildung (IBAF) der Diakonie in Rendsburg.

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