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Interview

Das Trauma der Eltern

Manche Traumata gehen nicht auf eigenes Erleben zurück. Sie gehen von wichtigen Bezugspersonen auf das Kind über. Frau Dr. Nitschke-Janssen, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hamburg, beantwortet wichtige Fragen zu transgenerational weitergegebenen Traumatisierungen.

Ein Junge hält die Hand einer erwachsenen Person
© Pixabay
Transgenerational weitergegebene Traumatisierungen zu erkennen ist nicht ganz leicht

Was sind transgenerational weitergegebene Traumatisierungen?

Dr. Nitschke-Janssen: "Das sind Gefühlszustände, die ein Kind erlebt, deren Ursache aber keine selbst erlebte traumatische Situation ist. Hierbei ist es zunächst die Bezugsperson, zumeist die Mutter, die bei entsprechenden Auslösern in einen aufgeregten Gefühlszustand kommt, weil sie früher in einem ähnlichen Zusammenhang etwas Schlimmes erlebt hat. Das Kind erlebt diese Aufregung dann mit. Und wenn so etwas nicht nur einmal passiert, sondern häufig, dann kann die Traumatisierung von der Mutter auf das Kind übergehen, für das Kind fühlt es sich also so an, als hätte es selbst die traumatische Situation erlebt."

Was ist anders an einem transgenerational weitergegebenen Trauma?

N.-J.: "Den Gefühlszustand bei einem transgenerational weitergegebenen Trauma zu verorten, ist ein langsamer und kleinschrittiger therapeutischer Prozess. Man muss sich mit der Geschichte der Eltern und Bezugspersonen beschäftigen und das Kind muss sich fragen: 'Ist das eigentlich mein eigenes Erleben oder hat sich da etwas in mich 'eingenistet', was gar nichts mit meinen eigenen Erfahrungen zu tun hat?'"

Erkenne ich als pädagogische Fach- und Lehrkraft, wenn es sich um eine transgenerational weitergegebene Traumatisierung handelt?

N.-J.: "Transgenerational weitergegebene Traumatisierungen zu erkennen ist nicht ganz leicht, es ist also keine 'Blickdiagnose'. Denn wenn ein Kind stark trennungsängstlich ist, zum Beispiel im Rahmen der Eingewöhnungsphase, dann gibt es dafür einen ganz großen Blumenstrauß an möglichen Ursachen. Um herauszufinden, warum die Kinder so viel Angst haben, gehen die Pädagoginnen und Pädagogen sinnvollerweise mit den Eltern ins Gespräch. Eine übliche Frage wäre zu erkunden, ob das Kind eventuell in seinem Leben etwas 'Schlimmes' erlebt haben könnte. Ratlosigkeit tritt meist dann ein, wenn sich keine Ursache für ängstliches Verhalten finden lässt."

Welche Verhaltensweisen können auf eine transgenerational weitergegebene Traumatisierung hinweisen?

N.-J.: "Besonders aufmerksam sein sollten pädagogische Fach- und Lehrkräfte bei Trennungsängstlichkeit, die weit über das normale Maß der Eingewöhnungszeit hinausgeht. Aber auch bei einer allgegenwärtigen Wach- und Aufmerksamkeit des Kindes, die das Kind anstrengt und ein versunkenes Spielen hemmt. Außerdem, wenn das Beruhigen sehr schwierig ist."

Es macht Sinn, früh hinzuschauen!

Hier wäre empfehlenswert, über unterstützende Maßnahmen hinaus einen Kindertherapeuten oder Kinderpsychiater hinzu zu ziehen. Diese Fachperson wird dann mit Eltern und Kind in einer Vielzahl von Gesprächen und Beobachtungen die Ursache der Angst herausarbeiten. Dabei finden sich nicht selten Traumatisierungen bei den Eltern, die bisher unerkannt geblieben sind und erst durch das Verhalten des Kindes zutage treten können. Bei anhaltend ängstlich-vermeidendem Verhalten ausschließlich pädagogisch mit dem Kind zu arbeiten, würde dem Kind und seiner Familie die Chance verwehren,  etwas Wichtiges und das Familienleben Beeinflussendes zu erkennen und zu verändern."

Unter Resilienz versteht man die psychische Widerstandsfähigkeit, also die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen. Was für Resilienzfaktoren gibt es?

N.-J.: "Einige wichtige Faktoren sind Bindung, das Vertrauen zu einer Schutzperson und feinfühlige Bezugspersonen. Ein Beispiel: Wenn eine Erzieherin spürt, wann das Kind eine Pause braucht, ob es in Ruhe gelassen werden will oder auf den Schoß möchte, dann hilft dies dem Kind dabei, eine gute Bindung zur Pädagogin aufzubauen. Das schützt vor schwierigen Gefühlszuständen. Es gibt pädagogischen Fach- und Lehrkräfte, die ihr Vorgehen zusätzlich benennen: 'Du siehst mir danach aus, als wolltest du auf den Schoß. Alles andere sehen wir später.' Wenn eine Erzieherin das sagt, wird ihr Tun für das Kind verstehbar. Später kann es dann seine eigenen Bedürfnisse äußern, wie zum Beispiel: 'Ich brauche jetzt mal etwas Trost.' Sich Trost, Fürsprache und Schutz im sozialen Umfeld suchen zu können, ist eine ganz wichtige Fähigkeit, um Stress abzupuffern und Kraft zu tanken. Es gibt aber auch viele andere Resilienzfaktoren, wie Kontaktbereitschaft, Neugier oder Alltagskompetenz."

Diese präventive Sichtweise ist neu, denn behandelt wird eigentlich ja erst, wenn Symptome schon voll ausgebildet sind.

Was wünschen Sie sich für eine gelingende pädagogisch-therapeutische Zusammenarbeit?

N.-J.: "Insbesondere in der frühen Kindheit ist eine interdisziplinäre pädagogisch-therapeutische Zusammenarbeit ausgesprochen nützlich, denn sie hilft, später nur schwer behandelbaren psychischen Erkrankungen vorzubeugen. Das könnte so aussehen: Pädagogische Fach- und Lehrkräfte warten nicht allzu lange, bis sie bei der Familie die Inanspruchnahme entwicklungspsychologischen Know-hows anregen oder sich selbst entsprechend beraten lassen. Kinderpsychiaterinnen und Kinderpsychiater sowie Therapeutinnen und Therapeuten erhöhen dafür ihre Bereitschaft, bereits niederschwellig diagnostisch und beratend tätig zu werden. Diese präventive Sichtweise ist neu, denn behandelt wird eigentlich ja erst, wenn Symptome schon voll ausgebildet sind. Für eine gelingende pädagogisch-therapeutische Kooperation empfiehlt sich ein kontinuierlicher Kontakt in der Nähe der Bildungseinrichtung. So kann auch mal auf kurzem Dienstweg ein niederschwelliges Beratungsangebot für eine Familie veranlasst werden. Darüber hinaus finanzieren viele Jugendämter beratende Arbeit psychotherapeutisch ausgebildeter Fachpersonen in Kindertageseinrichtungen vor Ort. In Schulen sind dies entsprechend ausgebildete Schulpsychologen  oder Schulpsychologinnen oder Beratungslehrer und Beratungslehrerinnen, die Kontakte zu kinderpsychiatrisch-psychotherapeutisch arbeitenden Ansprechpartnern herstellen können.

Mentalisierung hilft bei der Gefühlsregulation

Mittlerweile gibt es zudem vermarktete Programme, im Rahmen derer Fachpersonen über einen gewissen Zeitraum regelmäßig in die Kita kommen, um mit den Kindern das Thema 'Meine Gefühle' zu erkunden.  Welche Gefühlsformen gibt es? Woran erkenne ich sie – bei mir und bei anderen? Auf diese Weise wird den Kindern eine Terminologie für ihr Innenleben vermittelt, sie werden darin unterstützt, über sich nachzudenken. In der Fachsprache nennt man das 'Mentalisierung'. Mentalisierung hilft enorm bei der Gefühlsregulation – zum Beispiel bei transgenerationalen Traumatisierungen – und hilft, diese als solche zu erkennen und zu verstehen. Die Förderung von emotionaler Regulation und Mentalisierung im Rahmen der frühkindlichen Bildung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu verstehen, dürfte sich langfristig mehr als nur auszahlen.“

Wie komme ich an eine therapeutische Fachkraft?

N.-J.: "In vielen Kommunen gibt es die Möglichkeit Kitas über Gesundheitsämter finanzielle Ressourcen bereitzustellen, mit denen sie auf Honorarbasis eine therapeutische Fachkraft ins Haus holen können. Es gibt auch die Möglichkeit für niedergelassene Ärzte Hausbesuche in Kitas zu machen – vorausgesetzt die Eltern stimmen zu. Nicht zuletzt können pädagogische Fach- und Lehrkräfte Inhouse-Schulungen mit Fallarbeit nutzen oder eine entsprechende Auswahl bei Supervisionen treffen."

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