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Interview

Das Kind spricht nicht mit mir! Tipps bei Verdacht auf selektiven Mutismus – Teil 1

Schweigen kann bei Kindern viele Gründe haben: Schüchternheit, Ängstlichkeit oder fehlende Sprachkenntnisse. Ein anderer Hintergrund für schweigsames Verhalten, der verstärkt bei Flüchtlingskindern auftreten kann, ist selektiver Mutismus. Gemeinsam mit der Sonderpädagogin Katja Subellok haben wir Wissenswertes und Tipps zum Umgang mit dieser Kommunikationsstörung zusammengestellt.

Sonderpädagogin und Mutismusexpertin Katja Subellok

Menschen, die mit Kindern arbeiten, wissen: Der Einzelfall kann selten verallgemeinert werden. Umgekehrt treffen die folgenden Beobachtungen und Tipps natürlich nicht auf jeden Einzelfall zu, sie sollen eine Annäherung sein. Denn obwohl es nicht Aufgabe der Pädagoginnen und Pädagogen sein kann, "echte" psychologische Symptome fachgerecht zu erkennen und zu behandeln (darüber spricht auch Psychologin Paula Döge im Interview), müssen sie dennoch darauf reagieren.

Die Expertin

Katja Subellok leitet seit 2008 das sprachtherapeutische Ambulatorium der Technischen Universität Dortmund. Einer ihrer Schwerpunkte ist der selektive Mutismus.

Was ist selektiver Mutismus?

Von selektivem Mutismus spricht man, wenn ein Kind in bestimmten Situationen mit bestimmten Personen oder an bestimmten Orten nicht spricht, obwohl es grundsätzlich dazu in der Lage ist. Wann die betroffenen Kinder schweigen, mit wem sie schweigen oder an welchem Ort, ist von Kind zu Kind unterschiedlich. So kann es zum Beispiel sein, dass ein Kind im Kindergarten schweigt, im anonymen Umfeld und zu Hause dagegen normal spricht. Oder es spricht nur mit den Großeltern, wenn ein Geschwisterkind anwesend ist; trifft es die Großeltern jedoch allein, verstummt es. Meistens tritt selektiver Mutismus in Übergangsphasen auf, vor allem mit dem Eintritt in den Kindergarten oder mit dem Übergang in die Schule.

Etwa 0,7 bis 1 Prozent der einsprachigen Kinder sind davon betroffen. Bei mehrsprachigen oder geflüchteten Kindern vermuten Experten einen höheren Anteil. Im Gegensatz zu posttraumatischen Belastungsstörungen sind die Schweigesymptome konstant. Sollten die Symptome wechselhaft sein und das Kind durch starke Stimmungsschwankungen auffallen, könnte es sich auch um eine posttraumatische Belastungsstörung handeln.

Wissenswertes bei Verdacht auf Traumatisierung finden Sie hier.

Was sind Ursachen für selektiven Mutismus?

Es gibt verschiedene Risiko-Faktoren. In der Hälfte der Fälle sind die Hintergründe für selektiven Mutismus Sprachentwicklungsstörungen, Mehrsprachigkeit oder andere sprachliche Erschwerungen. Auch die familiäre Lernumgebung, also die aktuelle Lebenssituation des Kindes, kann einen Einfluss haben. Das trifft besonders zu, wenn sich das Kind in einem neuen Land mit fremder Kultur und neuer Wohnsituation zurecht finden muss. Auch eine genetische Veranlagung zur sozialen Ängstlichkeit und Schweigsamkeit kann selektiven Mutismus verursachen, in diesem Fall hatte ein Elternteil in der Vergangenheit oftmals ähnliche Probleme. Selektiver Mutismus kann in Kombination mit anderen Symptomen auftreten, zum Beispiel Problemen beim Einhalten von Stuhl und Urin.

Eine Frau erklärt einem Kind etwas, ein anderes steht daneben.
© hl-studios/Thinkstock
Dass ein Kind in bestimmten Situationen mit Personen oder an gewissen Orten nicht spricht, kann viele Gründe haben

Wie erkenne ich selektiven Mutismus?

Es muss eine spezifische Situation oder Konstellation vorliegen, in der das Kind nicht spricht, in der Sprechen aber normalerweise erwartet wird. Das Schweigemuster folgt meistens einer kindlichen Logik, die wir nicht unbedingt nachvollziehen können, die das Kind aber auch auf Nachfrage nicht erklären kann. Das Schweigen kann wie eine Sprechblockade verstanden werden, vergleichbar mit einer Angstattacke, die plötzlich einsetzt. Wichtig ist es, gut zu beobachten und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, da es normal sein kann, dass Kinder in Übergangsphasen anfangs nicht sprechen. Diese Phase kann bei einsprachigen Kindern bis zu zwei Monate, bei mehrsprachigen Kindern bis zu einem halben Jahr dauern. Bei geflüchteten Kindern könnte es sogar noch länger sein.

Worauf sollte ich bei der Beobachtung des Kindes noch achten?

Sitzt das Kind die meiste Zeit auf seinem Platz, legt seinen Kopf auf die Arme und isoliert sich? Mit wem spricht es nicht und mit wem schon? Vielleicht spricht es bereits mit Kindern, wenn es sich unbeobachtet fühlt? Gibt es vielleicht Phasen oder Situationen, in denen das Kind teilnimmt, lächelt oder doch mit den anderen spielt? Selbst wenn es nur beobachtet, ist das ein gutes Zeichen. Ich sollte herausfinden und einschätzen, wie weit es sprachlich schon ist. Vielleicht ist ein sprachlicher Rückstand ein Grund für sein Verhalten. Es kann helfen, mit anderen Erzieherinnen und Erziehern zu sprechen und herauszufinden, wie sie das Kind einschätzen oder wie es sich verhält, wenn es sich unbeobachtet fühlt. Sollten keine positiven Veränderungen erkennbar sein, ist es sinnvoll mit den Eltern zu sprechen. Durch die Eltern können Sie erfahren, ob das Kind zu Hause ganz normal spricht, ob die Eltern das Verhalten kennen oder ob es vielleicht andere Personen gibt, bei denen das Kind spricht.

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