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Interview zur sprachlichen Bildung

Sprechanlässe im Alltag schaffen

Kinder lernen schnell. Auch eine neue Sprache. Doch wie kann ich als pädagogische Fach- und Lehrkraft im Alltag wertvolle Sprechanlässe schaffen und diese effektiv begleiten? Die Logopädin und Sprachreich-Trainerin vom Bundesverband für Logopädie e.V., Veronika Meiwald, gibt einige Tipps.

Eine Erzieherin kniet inmitten von mehreren Kindern und spricht mit ihnen.
© Christoph Wehrer/Stiftung Haus der kleinen Forscher
Im Kita- und Schulalltag gibt es zahlreiche gute Sprechanlässe.

Wie kann ich einem Kind ein Gefühl der deutschen Sprache vermitteln und Interesse für die Sprache wecken?

Veronika Meiwald: "Eine andere Sprache erleben Kinder und Erwachsene am besten, indem sie von einem anderen Menschen in dieser Sprache angesprochen werden und gemeinsam etwas mit allen Sinnen erfahren.

Dafür ist jedes altersgemäße Spiel geeignet. Aber auch zusammen essen, suchen, finden, auspacken, aufbauen. Dieses gemeinsame Erleben kann dazu führen, dass das Kind die neuen, anderen Wörter aufnimmt, erst versteht, um sie später selber einzusetzen. Kinder müssen die Wörter mehrfach hören, um sie aufnehmen zu können."

Einige Pädagogen meinen, dass Eltern zu Hause mit ihren Kindern Deutsch sprechen sollen, damit sie die Sprache schneller und besser lernen. Stimmt das?

Sprachen sollten weder erzwungen, noch verboten werden.

V. M.: "Eltern sollten die Sprache ihres Herzens sprechen, also die Sprache, die sie selber am besten können. Es ist die Sprache, in der wir trösten, liebkosen, selber denken und fühlen. Können die Eltern nur einigermaßen Deutsch, dann wird das Kind neben der Herzenssprache der Eltern auch das gebrochene Deutsch der Eltern hören. Im Alltag hört das Kind zusätzlich das Deutsch der Erzieherinnen und der Umwelt, welches sich vom gebrochenen Deutsch der Eltern unterscheidet. Das verwirrt Kinder und sie müssen sich fragen, welche deutschen Grammatikregeln sind denn nun richtig? Die der Erzieherin oder die der Eltern?

Es ist besser, wenn die Eltern ihre Herzenssprache sprechen, auch wenn Kinder auf Deutsch antworten. Das Kind versteht die Eltern in der Elternsprache, antwortet aber in der Landessprache. Das kommt oft vor. Das Kind erwirbt ein Sprachverständnis in der anderen Sprache und kann sie später auch benutzen, wenn es dazu bereit ist. Sprachen sollten und können weder erzwungen noch verboten werden."

Eignet sich das Forschen und Experimentieren für die Sprachförderung? Wie kann ich die Abläufe am besten sprachlich begleiten?

V. M.: "Das eignet sich sehr gut. Denn beim Forschen kommt man ohne Sprechdruck gut in ein gemeinsames Tun und es gibt dann echte Sprechanlässe. Alle Grundprinzipien der Sprachförderung gelten auch hier:

  • Blickkontakt aufnehmen,
  • aussprechen lassen,
  • altersgemäß ansprechen,
  • sich wirklich für das Kind interessieren,
  • keine Erklärungen vorwegnehmen,
  • grammatikalisch falsche Äußerungen des Kindes noch einmal richtig sagen, bevor man selber antwortet,
  • Wiederholungen zulassen,
  • Verstehen sichern,
  • verschiedene Frageformen anwenden.
  • Und ganz wichtig: Gemeinsam Freude am Welt-Entdecken und am Kommunizieren finden.

Auch stille Phasen gehören dazu. Das Kind zeigt uns mit seinem an uns gerichteten Blick, wann es wieder eine sprachliche Anregung braucht."

Macht es Sinn, sich über die grammatikalischen Eigenheiten der Muttersprache eines Kindes zu informieren?

V. M.: "Wissen über die Sprache meines Gegenüber ist immer nützlich. So kann man besser verstehen, ob Kinder eins zu eins aus ihrer Sprache übersetzen und dabei vergessen, die deutschen Grammatikregeln anzuwenden."

Einige geflüchtete Kinder haben Probleme bei der Aussprache deutscher Laute und Wörter. Welche Übungen könnten helfen, um ihnen die Aussprache zu vereinfachen?

Eine Frau mit Brille und kurzen grauen Haaren
Die Logopädin und Sprachreich-Trainerin Veronika Meiwald.

V. M.: "Zunächst sollten Sprechfreude und Verständlichkeit im Mittelpunkt stehen, sodass die Kommunikation klappt. Erzieherinnen sollten mit Kindern aber keine Ausspracheübungen machen.

Ausspracheprobleme gibt es ja in allen Sprachen. Bei längerfristigem Unvermögen liegt eher eine Artikulationsstörung vor und die gehört in logopädische Behandlung. Wenn es wirklich Laute gibt, die nur in der deutschen Sprache vorkommen und die für das Kind schwierig sind, dann können Spiele zum Heraushören der Laute gut sein. Und natürlich ist es immer hilfreich, ein gutes Sprachvorbild zu sein, langsam und deutlich zu sprechen, dabei aber natürlich zu bleiben. Wenn ein Kind ein Wort noch nicht richtig sagt, ist es gut, es noch einmal richtig zu wiederholen und dann zu antworten."

INFO: Buch- und Filmempfehlungen

Buchempfehlungen:

Vassilia Triarchi-Hermann: Mehrsprachige Erziehung. Wie Sie Ihr Kind fördern, Verlag: Reinhardt, Ernst; Auflage: 2. Aufl. 2006, München 2003

Elke Montanari: Mit zwei Sprachen groß werden: Mehrsprachige Erziehung in Familie, Kindergarten und Schule, Verlag: Kösel-Verlag; Auflage: 13. Aufl. 2016, München 2002

Wolfgang Wendlandt: Sprachstörungen im Kindesalter. Materialien zur Früherkennung und Beratung, Verlag: Thieme; Auflage: 8. Aufl. 2016, Stuttgart 2006

Filmempfehlung:

Kurt Gerwig: Wie Kinder zu(m) Wort kommen. Sprachförderungen im Alltag; AV1 Pädagogik-Filme, Deutschland 2012

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