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Interview

So wird Sprache beim Forschen vermittelt

Kinder, die zum naturwissenschaftlichen Forschen angeregt werden, verstehen nicht, nur Naturphänomene besser, sie drücken sich auch sprachlich anspruchsvoller aus. Im Gespräch erklärt Astrid Rank, Mitautorin der Studie "Early Steps Into Science and Literacy", wie wichtig Sprachvorbilder und Wortschatz-Impulse sind.

In einer Wasserwanne liegen einige Gegenstände die schwimmen, andere die sinken
© Stiftung Haus der kleinen Forscher
Sinken, Tauchen, Versinken und Untergehen – Forschen kann den Wortschatz erweitern

Über Astrid Rank

Von Hause aus Grundschullehrerin ist Astrid Rank seit 2011 Professorin für Grundschulpädagogik und -didaktik und in dieser Funktion seit 2014 an der Universität Regensburg tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Bildungssprache im Fachkontext (Naturwissenschaften, Mathematik) und Kompetenzentwicklung bei Erzieherinnen und Lehrkräften. Sie ist Mitautorin der Studie "Early Steps Into Science and Literacy" – kurz EASI Science-L.
 

Frau Rank, gibt es eine Erkenntnis aus der Studie, die Sie persönlich überrascht hat?

Astrid Rank: "Ja, die gab es tatsächlich und zwar, dass die Erstsprache so gut wie keinen Einfluss auf die Sprachperformanz der Kinder hatte. Ob die Kinder nun Deutsch oder eine andere Sprache mitbrachten, wirkte sich nicht wahrnehmbar aus."
 

Was wirkte sich positiv auf die Ausdrucksfähigkeit der Kinder aus, wenn nicht die Erstsprache?

A. R.: "Alter, Intelligenz und Geschlecht. Der Einfluss des Alters ist klar, da Sprachentwicklung altersabhängig ist. Bei der Betrachtung der Sprachperformanz ging es unter anderem um die Fähigkeit, sich elaboriert ausdrücken zu können, also längere Sätze zu bilden, inhaltliche Vermutungen zu äußern, sich sprachlich anspruchsvoller zu äußern. Diese Fähigkeit war bei intelligenteren Kindern und bei Jungen besser ausgeprägt. Auch wenn man alles andere, Leseverhalten der Eltern, familiärer Hintergrund einberechnet hat. Der Bildungshintergrund im Elternhaus hat sich ebenfalls ausgewirkt, aber nicht so deutlich, wie man das hätte vermuten können."
 

Dabei heißt es doch, Mädchen können sich verbal besser ausdrücken.

A. R.: "Ja, das ist auch richtig. Dennoch war es in der Situation, die wir vorgefunden hatten, nicht so. Wir interpretieren das so, dass die naturwissenschaftliche Situation besonders für Jungen ansprechend ist. Darin liegt vielleicht auch ihre besondere Chance. Allerdings muss man dazu auch selbstkritisch ergänzen, dass wir den pädagogischen Fachkräften gesagt haben, sie sollen die Kinder selbst auswählen, zwei Jungen und zwei Mädchen, davon jeweils eins mit Deutsch als Erst- und eins mit Deutsch als Zweitsprache. Die Fachkräfte haben eventuell eher die Kinder ausgewählt, von denen zu erwarten war, dass sie gut sprechen."
 

Welche Faktoren müssen zusammenkommen, damit sich die Sprache verbessert?

Fachkräfte müssen herausfordern und zugleich adaptiv unterstützen.

A. R.: "Auf jeden Fall müssen die Kinder Gelegenheit haben zu sprechen und zugleich brauchen sie gute Sprachvorbilder. Fachkräfte müssen herausfordern und zugleich adaptiv unterstützen. Die Fachkräfte müssen den Raum geben, damit sich die Kinder äußern können. Um das zu fördern, kann man Impulse geben."
 

Welche zum Beispiel?

A. R.: "Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten zu fragen. Mit einer geschlossenen Ja-Nein-Frage zum Beispiel: 'Wird die Kerze untergehen, wenn ich sie aufs Wasser setze?' Darauf kann das Kind nicht viel sagen. Wenn man aber fragt: 'Warum glaubst Du, dass die Kerze sinkt?' Da muss das Kind schon eine längere Aussage machen. Darauf haben wir geschaut."
 

Worauf noch?

A. R.: "Auf den Wortschatz und wie stark der variiert. Dazu tragen die Fachkräfte bei, wenn sie das Wort 'sinken' immer wieder durch andere Worte ersetzen, wie tauchen, versinken oder untergehen. Oder wenn sie Anregungen der Kinder aufgreifen, zum Beispiel den Vorschlag, eine Büroklammer schwimmen zu lassen statt einer Kerze. Oder dass Äußerungen begleitend zusammengefasst werden. Das kam sehr selten vor, ist aber eine ganz wichtige Sache."
 

Wie muss man sich das vorstellen?

A. R.: "Dass die Fachkraft eine Äußerung eines Kindes zusammenfasst und ggf. Rückfragen stellt. Gut ist auch, wenn die Fachkraft ihre Handlung begleitend beschreibt, etwa: 'Ich nehme jetzt die Schüssel und fülle Wasser hinein.' Oder dass man darauf achtet, dass die Kinder nicht nur Umschreibungen wie 'das hier' oder 'da hinein' verwenden, sondern Gegenstände und Vorgänge konkret benennen. So kann die Fachkraft die Kinder sprachlich unterstützen. Um sprachlich exzellent zu sein, müssen eine Menge Faktoren zusammenkommen."
 

Kann man das auch auf die Arbeit mit geflüchteten Kindern anwenden, um ihnen die neue Sprache zu vermitteln?

Ich würde den Kindern immer Zeit geben, sich in Ruhe Formulierungen zu überlegen.

A. R.: "Wenn bei Kindern gar keine Kenntnis der deutschen Sprache vorhanden ist, ist das immer schwieriger. Dennoch würde ich genauso herangehen wie gerade beschrieben. Zum einen mit Wortschatzarbeit, die ist immer wichtig. Ich würde den Kindern auch immer Zeit geben, damit sie sich in Ruhe Formulierungen überlegen können. Darüber hinaus würde ich ihnen am Anfang Satzmuster an die Hand geben, etwa: 'Ich nehme die Kerze und lege sie in das Wasser.' Dazu gehört ein korrektives Feedback."
 

Wie sähe das in der Praxis aus?

A. R.: "Nehmen wir den Versuch mit der Kerze. Ein Kind, dass die Sprache noch nicht beherrscht, sagt vielleicht nur 'Kerze'. Die Fachkraft nimmt das auf und vervollständigt den Satz zum Beispiel so: 'Du möchtest die Kerze schwimmen lassen?' Man muss allerdings sagen, dass für Kinder ohne Sprachkenntnisse zusätzlich ein begleitender Sprachkurs wichtig ist, wo die Kinder in kleinen Gruppen zusätzlich arbeiten. Das kann Hand in Hand gehen. Es zeigt sich auch in anderen Studien, dass sprachliche Förderungen eingekleidet in Situationen wie naturwissenschaftliches Forschen sehr erfolgreich sind."
 

Haben Sie das Ergebnis folglich so erwartet?

Astrid Rank im Porträt
© Andrea Petermichl
Astrid Rank

A. R.: "Dass es tatsächlich so gut funktioniert, hat mich doch überrascht. Wenn die Fachkräfte es gut machen, kann eine Forschungssituation enorm gut für den Spracherwerb genutzt werden. Es ist für die Kinder interessant, der Wortschatz ist abgegrenzt und es gibt viele verschiedene Phasen. Die werden allerdings noch zu wenig ausgenutzt. So sollte man sich etwa am Ende eines gemeinsamen Versuchs noch einmal besprechen, auch wenn das Material, in unserem Beispiel die Schüsseln mit dem Wasser, bereits weggeräumt sind. Die Fachkraft könnte fragen: 'Was haben wir heute gemacht?' Und die Kinder müssten sich Antworten überlegen wie: 'Wir haben gesehen, dass Gegenstände aus Metall sinken.' Dann kann diese Art des forschenden Lernens sehr gut zur Sprachförderung genutzt werden."
 

Was muss sich im deutschen Bildungssystem ändern, damit Kinder unabhängig vom Geldbeutel der Eltern und Migrationshintergrund gut sprechen lernen?

A. R.: "Das ist eine Qualitätsfrage. Erstmal ist die frühe Bildung sehr wichtig. Wenn Kinder in hochwertigen Kitas waren, haben sie bessere Chancen auf eine höhere Bildung. Dazu gibt es genügend Befunde. Hochwertige Kitas haben eine hohe Anregungsqualität. Dazu ist natürlich auch die Aus- und Fortbildung der Fachkräfte wichtig, wie wir auch in unserer Studie sehen. Fachkräfte müssen wissen, wie sie Kinder mit heterogenen Lernvoraussetzungen unterstützen können. Meiner Ansicht nach ist es ein Unding, dass für Universitäten, die einen Bruchteil der jungen Menschen betreffen, keine Gebühren verlangt werden, für Kitas, die alle Kinder betreffen, hingegen schon. Eine gute Kita kann für Kinder eine echte Startchance sein. In der Schule muss anschließend zudem weniger Wert darauf gelegt werden, dass Eltern ihre Kinder unterstützen. Viele Lehrer gehen davon aus, dass die Eltern Zuhause alles noch einmal erklären. Das ist sozial ungerecht, weil viele Eltern das nicht leisten können. Die Bildungsinstitutionen müssen es schaffen, selbst unabhängig vom sozialen Hintergrund der Kinder hochwertige Bildung zu vermitteln. Auf diese Punkte kommt es an."
 

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