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Interview

13 goldene Regeln zur Sprachförderung mit heimatvertriebenen Kindern

An Kitas oder Grundschulen besteht die erste Aufgabe meist darin, geflüchteten Kindern Deutsch beizubringen. Aber: Wie lernen Kinder eine Sprache? Welche Unterschiede müssen pädagogische Fach- und Lehrkräfte im Hinblick auf das Alter des Kindes beachten? Die Kommunikationsforscherin Prof. Dr. Ute Ritterfeld hat zusammen mit ihrer Kollegin, Prof. Dr. Sandra Niebuhr-Siebert, 13 goldene Regeln zusammengestellt, an denen sich pädagogische Fach- und Lehrkräfte orientieren können.

Die Expertin

Prof. Dr. Ute Ritterfeld ist seit 2010 Leiterin des Lehrstuhls "Sprache und Kommunikation" an der Technischen Universität Dortmund. Zwei ihrer Forschungsschwerpunkte sind früher Spracherwerb und Mehrsprachigkeit.

Eine Ihrer 13 goldenen Regeln sowohl für Kita- als auch für Grundschulkinder lautet "Keine Sprachverbote!" Was meinen Sie damit?

Portraitbild der Kommunikationsforscherin Prof. Dr. Ute Ritterfeld
Die Kommunikationsforscherin Prof. Dr. Ute Ritterfeld.

Prof. Dr. Ute Ritterfeld: "Wir wollen verhindern, dass die pädagogischen Fach- und Lehrkräfte geflüchteten Eltern empfehlen, zu Hause um jeden Preis Deutsch zu sprechen. Das hat mehrere Gründe: Zum einen kann das menschliche Gehirn ganz hervorragend zwei Sprachen bewältigen. Zum anderen reicht der Input durch Kindergarten, Schule, Medien und Freunde in der Regel aus, um Deutsch zu lernen.
Man sollte den Eltern nicht raten, zu Hause in einer Sprache mit dem Kind zu sprechen, die sie selber noch nicht richtig beherrschen. Denn Kinder lernen eine Sprache auch, indem Eltern sie korrigieren und Informationen hinzufügen."

Für die erste Verständigung mit Flüchtlingskindern finden Sie hier praktische Dialog-Hilfen zum Ausdrucken.

Eine Erzieherin macht eine Grimasse mit einem Kind auf dem Arm.
© Stiftung Haus der kleinen Forscher/Thomas Ernst
Bis zum 10. Lebensjahr lernen Kinder die Sprache spielerisch - danach wird es schwieriger, da sie die Sprache bewusst lernen.

Haben Sie ein Beispiel?

U.R.: "Wenn das Kind sagt: 'Da Auto!', und der Vater den Satz richtig wiederholt: 'Ja, da ist ein Auto', sind das ganz wichtige intuitive Lehrstrategien. Wenn ich das als Vater oder Mutter aber in einer Sprache versuche, die ich selbst nicht beherrsche, werde ich deutlich weniger korrigieren und kommentieren und manchmal regelrecht verstummen, weil mir der richtige Ausdruck oder die richtige Form fehlt. Ich kann damit auch nicht mehr frei auf die Impulse und Gefühle des Kindes reagieren, sondern bin eingeschränkt. Das kann auch die emotionale Beziehung zum Kind schwächen. Eltern müssen mit ihren Kindern in der "Sprache ihres Herzens" kommunizieren können, um ihre einzigartige und vertrauensvolle Beziehung nicht zu stören."

Lernen Kita-Kinder anders eine neue Sprache als Grundschulkinder?

U.R.: "Generell gilt: Je jünger die Kinder, desto schneller und leichter lernen sie eine Sprache. Bis zum 3. Lebensjahr werden zwei Sprachen parallel etwa so gut und schnell erworben wie bei einem einsprachig aufwachsenden Kind. Danach hängt es davon ab, wann die zweite Sprache dazu kommt und wie Qualität und Qualität des Sprachangebots beschaffen sind.

Wenn ein Kind vor dem zehnten Lebensalter eine Sprache lernt, kann es sich auch dem Klang und dem Rhythmus problemlos anpassen, wenn es zuvor eine andere Sprache sprach. Es entwickelt dann keinen Akzent. Ungefähr ab zehn Jahren setzt bei vielen Kindern die Herkunftssprache dem Deutschen einen hörbaren Stempel auf: Man hört dann einen Akzent. Dieser bleibt oft auch dann noch erhalten, wenn der Wortschatz hervorragend entwickelt ist und die Grammatik fehlerfrei beherrscht wird. Wir sprechen dann auch nicht mehr von Zweitsprach-, sondern von Fremdspracherwerb"

Welche Rückschlüsse für den pädagogischen Alltag ergeben sich daraus?

Welches Mittel zur Kommunikation die Kinder auch wählen - schätzen Sie es wert!

U.R.: "Im Vorschulalter verfügen die Kinder in der Regel noch über gute Strategien, quasi nebenbei eine Sprache zu lernen. Das Sprachlernziel muss deswegen nicht im Mittelpunkt stehen. Kita-Kinder eignen sich eine neue Sprache vorwiegend spielerisch an, weil sie sich mit anderen austauschen wollen.

Welches Mittel zur Kommunikation die Kinder auch wählen, schätzen Sie es wert! Die Kommunikation steht im Vordergrund, nicht das Lernen der Sprache. So legen Sie behutsam eine Basis, die die Kinder dann nach und nach mit Sprache füllen werden."

Ist das in der Grundschule anders?

U.R.: "Ja, da ist es schon ein wenig anders: Die Kinder wissen genau, dass man von ihnen erwartet, Deutsch zu lernen und mit dieser Sprache dem Schulunterricht zu folgen. Ihr Spracherwerb ist damit gesteuerter und nicht so unbewusst wie im Kita-Alter. Die Kinder lernen also sowohl nebenbei als auch ganz bewusst. Als Lehrerinnen oder Lehrer passen Sie die Komplexität Ihres eigenen Sprachgebrauchs dann meist ganz automatisch an das Niveau der Kinder an. Das ist ein wichtiger und richtiger Schritt.

Sie sollten zudem versuchen, den Kindern möglichst viele Hilfen anzubieten, mit denen die Aufgabenstellungen auch nonverbal so eindeutig wie möglich werden. Das gelingt anhand von konkreten Objekten, Gesten, Bildern oder Videos. Zeigen Sie auf die Dinge, über die Sie sprechen. Und vor allem: Haben Sie selbst Spaß an diesen Sprachlehr-Lern-Abenteuern mit Kindern aus einem anderen Kulturkreis. Denn Kinder können problemlos zwei oder gar mehr Sprachen parallel lernen und benutzen."

13 goldene Regeln zur Sprachförderung

Die Handreichung der TU Dortmund "13 goldene Regeln zur Sprachförderung mit heimatvertriebenen Kindern ohne Deutschkenntnisse in unseren Kindertageseinrichtungen" finden Sie hier für die Kita und an dieser Stelle für die Grundschule.

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