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Kunstprojekt

Flüchtlingskinder im Porträt: Das Foto-Projekt "Neue Welt"

Geflüchtete Kinder mussten ihre "alte Welt" verlassen, um sich in einer "neuen Welt" zurecht zu finden. Wie sie sich dabei fühlen, lässt sich nur erahnen. Fotografin Edith Held hat sich ihnen und ihren Gefühlen genähert, indem sie Flüchtlingskinder porträtiert und ihre Geschichten aufgenommen hat.

Die Fotografin Edith Held mit geflüchteten Kindern
Die Fotografin Edith Held mit einigen geflüchteten Kindern © privat.

Über die Künstlerin

Die Berlinerin Edith Held hat fast zwei Jahre lang mehr als 100 geflüchtete Kinder in Übergangswohnheimen besucht, mit ihnen gesprochen und sie mit einer Mittelformatkamera analog fotografiert. Herausgekommen ist der Fotoband "Neue Welt" mit Geschichten über Familie, Krieg, Flucht und Hoffnungen von geflüchteten Kindern.

Wie war Ihre Arbeit mit den Kindern?

Edith Held: "Kinder sind auf eine ganz besondere Art ehrlich. Es gab Kinder, die ihre Flucht wie eine kleine Abenteuerreise schilderten. Andere waren aufgrund ihrer Erlebnisse sehr ernst und für ihr Alter viel zu erwachsen – und so erzählten sie auch. Manche schilderten mir ausführlich, woher sie kommen, wie es dort für sie war und warum sie nun hier sind. Und natürlich habe ich auch Kinder getroffen, die sich – zumindest in dem Moment – nicht erinnern konnten. Dann haben wir über leckeres Essen oder Oma und Opa geredet. Jedes Kind hat seine ganz eigene Art, mit dem Erlebten umzugehen. Kinder blicken meist nicht zurück, sie leben im Jetzt, und das finde ich sehr positiv. Ich habe viel von ihnen gelernt."

Was denken Sie, wie geht es den Kindern bei uns?

E. H.: "Fast allen Kindern, mit denen ich gesprochen habe, gefällt es hier gut. Sie sind froh, hier zu sein. Oft haben sie, aufgrund der Lage in ihren Herkunftsländern oder weil sie schon einige Zeit in Auffanglagern verbracht haben, Monate oder Jahre keine Schule besucht. Sie freuen sich jetzt wieder zur Schule gehen zu können, sie wollen schnell Deutsch lernen und neue Freunde finden. Viele Mädchen möchten später als Lehrerinnen oder Ärztinnen arbeiten. Ich erinnere mich, dass ich mir das als kleines Mädchen auch gewünscht habe. Die Jungs wollen oft Polizisten werden."

Was würden Sie anderen Menschen, die mit geflüchteten Kindern arbeiten, mitgeben wollen?

E. H.: "Ich bin ganz normal mit den Kindern umgegangen. Wie bei jedem Kind muss man sich langsam herantasten, Vertrauen gewinnen. Damit habe ich die besten Erfahrungen gemacht. Noch wichtiger aber ist ein strukturierter Tagesablauf, der dem Kind hilft irgendwie wieder Normalität zu erfahren. Bei unserem Projekt hatten wir klare Regeln, die die Arbeit mit den Kindern aus meiner Sicht erleichtert haben."

Einige Fotos und Geschichten aus dem Fotoband "Neue Welt"

Ein geflüchtetes Kind sitzt im Sandkasten
Yousel versteht in der Schule noch nicht so viel © Edith Held.

YOUSEL, 6 Jahre, aus Syrien
"Wir sind mit dem Bus in den Libanon gefahren. Von dort sind wir mit einem runden Gummiboot in ein Land gefahren, das ich nicht kenne. Auf dem Boot waren so viele Menschen, ich konnte das Meer gar nicht sehen. Die Menschen waren sogar auf mir drauf. Das war nicht lustig. In dem Land haben wir in einer Moschee geschlafen. Wir haben uns auf unsere Jacken gelegt und unsere Rucksäcke waren die Kopfkissen. Das war toll. Jetzt bin ich schon mehr als zehn Tage hier.

Ich gehe in die Schule, aber ich verstehe gar nicht, was die Menschen da sagen. Meistens male ich im Unterricht Bilder. Die Bilder sind ganz bunt. Am ersten Tag habe ich meine Hausaufgaben liegen lassen. Ich habe überhaupt nicht verstanden, was ich mit den Blättern machen soll."

Ein geflüchtetes Mädchen schaut lächelnd in die Kamera
Zahra musste all ihre Sachen zurücklassen © Edith Held

ZAHRA, 6 Jahre, aus Afghanistan
"Auf dem Boot waren viele Männer und es war ganz eng. Mein Vater hatte meinen kleinen Bruder auf dem Rücken, und vorne hatte er eine Tasche. Wir durften nur uns mitnehmen, sonst durften wir nichts mitnehmen. Die Männer haben gesagt, dass wir alles wegwerfen sollen. Ich durfte nicht einmal mein schönes Kleid behalten, und meine Schwester musste ihre Schuhe wegwerfen."

Ein geflüchteter Junge im Porträt auf der Straße
Fais möchte in Deutschland bleiben und Pilot werden © Edith Held

FAIS, 11 Jahre, aus dem Libanon
"Außer Samir habe ich noch vier Geschwister. Wir wohnen in einem anderen Wohnheim und sind hier heute mit unseren Eltern zu Besuch bei Freunden. Ich wurde im Libanon geboren, aber ich bin Palästinenser. In Palästina werden alle kleinen und großen Menschen totgemacht. Palästina ist ganz kaputt. Wir mussten von dort fliehen. Wir sind alle zusammen auf einem großen Schiff nach Italien gefahren. Seit einem Jahr sind wir in Berlin. Papa hat einen Freund, der hat eine Wohnung für uns gefunden. Nächste Woche können wir dort einziehen. Als wir in Deutschland ankamen, konnte ich nur zwei Sätze Deutsch. Ich habe die Sprache in der Willkommensklasse gelernt. Jetzt bin ich in einer richtigen sechsten Klasse, zusammen mit deutschen Kindern. Ich finde Deutsch nicht so schwer. In Deutschland ist es besser als im Libanon. Mir geht es hier gut. Ich habe ein eigenes Fahrrad und ein Skateboard. Ich habe viele Freunde, mit denen ich rausgehe. Ich möchte in Deutschland bleiben. Ich möchte Pilot werden."

Ein geflüchteter Junge lacht in die Kamera
Hamzeh erinnert sich noch gut an die Schule in Syrien © Edith Held.

HAMZEH, 9 Jahre, aus Syrien
"Mein Lieblingsfach war die Hofpause. Die hat aber nur zwei Minuten gedauert. Im Kindergarten war die Pause eine halbe Stunde lang, das war viel besser. In der Schule bekamen wir Schläge, wenn wir unartig waren. Die Lehrer haben uns mit einem Stock auf die Hand geschlagen. Wenn wir viele Fehler gemacht haben, dann gab es zehn Stockschläge auf die Füße. Mein Freund Rabir hat etwas Lustiges erzählt und ich musste lachen, ganz viel. So viel, dass ich nicht mehr aufhören konnte. Dafür bekam ich einen Schlag auf die Hände. Rabir ist noch in Syrien. Wir können aber nicht mehr miteinander sprechen, weil ich kein Handy habe. Ich hätte so gerne ein Handy, dann könnte ich darauf spielen. In Syrien hatte ich zwei Computer und eine Playstation."

Das Projekt von Edith Held wurde durch die Lotto-Stiftung Berlin ermöglicht und in Zusammenarbeit mit der "Galerie auf Zeit" von Gunter Haedke realisiert. Weitere Infos zu Projekt und Buch finden Sie hier. Ein Video mit Informationen zur Entstehung und weiteren Impressionen finden Sie an dieser Stelle.

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