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Interview

"Kindliche Entwicklung ist allen Eltern wichtig"

Was tue ich, wenn ich beobachte, dass Eltern ihre Kinder regelmäßig mit dem Smartphone ruhigstellen? Wie kann ich das Thema Medienerziehung ansprechen, ohne Eltern vor den Kopf zu stoßen? Die Medienpädagogin Mona Kheir El Din sagt: Wertfrei bleiben.

Eine junge Frau zeigt einem Jungen und einem Mädchen eine digitale Spiegelreflex-Kamera.
© Stiftung Haus der kleinen Forscher
Ob Smartphone oder Kamera: Medienwerkzeuge probiert man am besten aktiv selbst aus

In der Broschüre "Elternarbeit und Medienkompetenz für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte" haben Sie geschrieben, dass digitale Medien für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte einen besonderen Wert haben. Vielleicht hilft es, sich das zu Anfang einmal vor Augen zu führen.

Mona Kheir El Din: "Das Smartphone hat einerseits eine starke soziale Komponente als Kontaktmöglichkeit zu Familien und Freunden im Herkunftsland. Die hat es für Einheimische zwar auch, aber es ist etwas anderes, ob meine Freunde nur ein paar oder tausende Kilometer weit entfernt sind. Außerdem erlaubt es den Kontakt zu den herkunftssprachlichen Medien. Das heißt, wenn ich eine Zeitung auf Arabisch lesen will, bekomme ich sie einfach nicht hier am Kiosk, sondern nur im Internet. Smartphone und Computer ermöglichen mir, in meiner Sprache Informationen zu finden."

Welche Rolle spielt der Umgang mit digitalen Medien in den Herkunftsländern?

M. K.: "In der arabischen Welt, aus der ja viele Geflüchtete kommen, sind das Thema und der Begriff 'Medienpädagogik' noch nicht weit verbreitet. Es gibt inzwischen erste Diskussionen im Fernsehen darüber, aber dann werden digitale Medien häufig direkt total verteufelt. Es war gar nicht einfach, zusammen mit Klicksafe die Begriffe 'Medienerziehung' und 'Medienpädagogik' zu übersetzen."

Was sind Themen, die für pädagogische Fach- und Lehrkräfte im Zusammenhang mit digitalen Medien, Eltern und Kindern mit Zuwanderungsgeschichte aufkommen können?

M. K.: "Unter den Eltern, die neu zugewandert sind, sind vielleicht auch einige, die überhaupt keinen Grund sehen, warum sie einem zwei- oder dreijährigen Kind kein Smartphone in die Hand drücken sollten, zum Beispiel, um es in einer Situation, wo es lange warten muss, zu beruhigen. Wenn man ihnen sagt: 'Das ist aber nicht gut', kann es sein, dass es dafür erstmal kein Verständnis gibt. Hier in Deutschland ist das Thema Medienerziehung und Medienpädagogik ja schon präsenter – da fallen die Eltern nicht aus allen Wolken, wenn es in der Kita angesprochen wird."

Was sollte ich deshalb beachten?

M. K.: "Zuallererst wertfrei an die Sache gehen. Den Eltern erklären: Kindliche Entwicklung ist ganz wichtig, gerade in den ersten sieben Jahren, und manche Dinge sind gut für die Entwicklung und andere nicht. Ich muss davon ausgehen, dass die Familien darüber vielleicht gar kein Wissen haben und überrascht sind, wenn ich anspreche, dass man ein Kind nicht pausenlos mit dem Smartphone spielen oder Fernsehen gucken lassen sollte. Dann schrittweise fragen: Wissen Sie, was die Entwicklung ihrer Kinder beeinflusst oder nicht? Wie sieht das mit Medien aus? Was machen die Kinder in der Freizeit? Wie kann man Kinder beruhigen oder ablenken, auch ohne Medien? Und so weiter. Man muss bereit sein, bei Null anzufangen und diese Tatsache nicht zu bewerten. Nicht zu denken, alle Migranten hängen ständig am Smartphone und alle Deutschen nicht. Denn das stimmt sowieso nicht. Wenn Eltern die notwendigen Informationen bekommen, sagen viele: Oh, dann muss ich aber mal was ändern."

Wenn ich den Dialog mit den Eltern unterstützen möchte, durch alltagsintegrierte Medienbildung mit den Kindern, die vielleicht eine Fluchterfahrung haben, was kann ich machen?

M. K.: "Zum Beispiel einen Workshop anbieten für Eltern und ihre Kinder oder einen Familiennachmittag und dann gemeinsam etwas mit Medien gestalten, einen Trickfilm, eine Fotocollage oder was auch immer und dabei ins Gespräch kommen. Die Eltern merken: Hier will mir nicht jemand etwas mit erhobenem Zeigefinger erzählen, sondern hier geht es ums Mitmachen. Ich bin bereit, mitzumachen und dann sind meine Ohren offen. Das Rucksackprojekt funktioniert zum Beispiel auf diese Art."

Der klassische Elternabend hat ausgedient

Worauf würden Sie bei einem Elternabend zum Thema Medienerziehung achten?

M. K.: "Ehrlich gesagt würde ich gar keinen Elternabend mehr machen. Es ist einfach so, das sehen auch die Leitungen in den Familienzentren, dass der klassische Elternabend ausgedient hat. Auf einem Elternabend ist es gar nicht möglich, mit einer Familie intensiv in Kontakt zu kommen. Da ist einmal die sprachliche Hemmschwelle. Dann muss man abends auch eine Kinderbetreuung suchen, wenn man nicht mit seiner ganzen Familie hierhergekommen ist oder noch neu ist und keinen großen Freundeskreis hat. Positiver sind die Erfahrungen, wenn man Elterncafés nutzt, die es in fast jeder Kita gibt, teilweise auch an den Grundschulen. Das ist im Vormittagsbereich, die Kinder sind versorgt und vielleicht holt man dann auch mal einen Multiplikator aus dem Umkreis der geflüchteten Familien dazu, zum Beispiel eine Stadtteilmutter, die auf eine andere Art mit den Eltern sprechen können. Dort kann man die Themen dann in Ruhe ansprechen, wie eben beschrieben."

Was ist Ihnen noch wichtig?

M. K.: "Man muss sich davon verabschieden zu denken, alle Geflüchteten sind so und alle, die hier geboren sind, sind anders. Am besten ist eine inklusive Pädagogik für alle. Jede Familie ist individuell. Ich darf nicht nur die Werkzeuge nutzen, mit denen ich mich auskenne, sondern muss gucken: Was ist das für eine Familie? Was braucht sie? Was kann ich Passendes für sie anbieten? In der Kita hat sich da schon vieles bewegt – für die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern wünsche ich es mir aber noch mehr."

Die Expertin

Porträt von Mona Kheir El Din. Sie lächelt, trägt kurze Haare und eine blaue Bluse.
© privat
Mona Kheir El Din

Mona Kheir El Din ist Kindheits- und Sozialwissenschaftlerin, Diplom-Informatikerin, Medienpädagogin und Anti-Bias-Trainerin. Ihr Schwerpunkt liegt in der Stärkung von Eltern und Pädagogen in ihrer Medienerziehung und in der Förderung von mehrsprachiger Literalität in Familien und pädagogischen Einrichtungen. Im Bonner Stadtteil Tannenbusch leitet sie ein Bildungs- und Familienzentrum.

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