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Interview

Elternarbeit – Vertrauen aufbauen, Barrieren abbauen

Viele geflüchtete Eltern kennen das System und Konzept der Kindertagesbetreuung in Deutschland nicht. Oft sind sie verunsichert, was ihr Kind in der Kita erwartet und welche Rolle sie selbst einnehmen. Deshalb ist es wichtig, Vertrauen zu den Eltern aufzubauen und mögliche Barrieren abzubauen. Die Entwicklungspsychologin Dr. Mohini Lokhande gibt Tipps, wie das gelingen kann.

Die Expertin

Dr. Mohini Lokhande ist promovierte Psychologin und arbeitet seit 2012 als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration.

Welche Befürchtungen verbinden Eltern mit dem Kitabesuch? Macht es einen Unterschied, ob sie einen Fluchthintergrund haben oder bereits mit dem deutschen Bildungssystem vertraut sind?

Porträtbild von Mohini Lokhande.
© SVR/Michael Setzpfand
Dr. Mohini Lokhande

Dr. Mohini Lokhande: "Eine Studie des SVR-Forschungsbereichs zeigt, dass die meisten Eltern – ob mit oder ohne Migrationshintergrund – unsicher sind, ob ihr Kind vor dem dritten Lebensjahr noch zu jung für die Kita ist und ob es angemessener wäre, sie in dem Alter in der Familie zu betreuen.

Das ist eine erste Hürde. Außerdem stehen zwei Drittel dieser Eltern vor weiteren Hürden, die den Zugang zur Kindertagesbetreuung erschweren. Zum einen haben sie häufig Schwierigkeiten, einen Betreuungsplatz zu finden oder sie sind von der Qualität der Betreuung nicht überzeugt und entscheiden sich deswegen dagegen. Zugangshürden werden bei der Entscheidungsfindung für oder gegen einen Kitabesuch somit zum Zünglein an der Waage."

Welche Zugangshürden fallen bei der Wahl für oder gegen eine Kita besonders ins Gewicht?

M. L.: "Vor allem Eltern mit niedrigem Schulabschluss fällt es schwer, überhaupt einen Betreuungsplatz zu finden. Sie nehmen die Elternbeiträge auch als zu hoch wahr. Beides kann dazu führen, dass sich die Eltern gegen einen Kitabesuch entscheiden. Bei Eltern mit Migrationshintergrund fallen dagegen andere Gründe ins Gewicht, unabhängig von ihrer Bildung. So haben Eltern der ersten Zuwandergeneration, die das deutsche Bildungssystem noch nicht so gut kennen, Zweifel an der Qualität der Betreuung und befürchten, ihr Kind werde nicht angemessen auf die Schule vorbereitet."

Mit welchen Angeboten können Kitas das Vertrauen in die Qualität der Betreuung besonders für geflüchtete Eltern und Eltern mit Migrationshintergrund steigern?

M. L.: "Die meisten Eltern wünschen sich eine gute Vorbereitung auf die Schule, damit ihr Kind beim Schuleintritt besser Deutsch spricht und später leichter den Übergang auf die weiterführende Schule schafft. Sie haben häufig hohe Bildungserwartungen für ihre Kinder. Außerdem ist es ihnen wichtig, dass sie in die Arbeit der Kita einbezogen werden und die pädagogischen Fachkräfte vertrauensvoll mit ihnen zusammenarbeiten. Zudem spielt es für viele Eltern eine große Rolle, ob die Betreuungseinrichtungen gegenüber ihren kulturellen und religiösen Bedürfnissen offen sind. Mehrsprachige pädagogische Fachkräfte sind für viele Eltern ein Pluspunkt und erleichtern ihnen, sich für eine Einrichtung zu entscheiden."

Wie können Kitas Zugangshürden abbauen?

M. L.: "Wichtig ist eine interkulturelle Öffnung der Einrichtung, damit sich alle Eltern unabhängig ihrer Herkunft willkommen fühlen. Ebenso hilfreich ist es, die pädagogische Arbeit transparent darzustellen und Eltern, zum Beispiel darüber zu informieren, wie Kinder in der Kita auf die Schule vorbereitet werden.

Für Betreuungseinrichtungen ist es außerdem sinnvoll, sich im Stadtteil zu vernetzen. Für die Erzieherinnen und Erzieher ist es gut zu wissen, an welche Einrichtungen und Initiativen sie sich wenden können, wenn die Eltern zum Beispiel Fragen zu aufenthaltsrechtlichen Themen haben. Besonders Familienzentren und Migrantenselbstorganisationen sind wichtige und nützliche Kooperationspartner. Sie können pädagogischen Fachkräften helfen, wenn sie Fragen von Eltern selbst nicht beantworten können. Außerdem übernehmen sie eine Wegweiserfunktion, wenn Erzieherinnen und Erzieher zum Beispiel jemanden suchen, der bereits Erfahrungen mit der Organisation eines Informationsabends für Eltern hat. Eventuell können sie sogar einen ehrenamtlichen Dolmetscher oder Kulturvermittler zur Verfügung stellen."

Wie können pädagogische Fachkräfte außerdem Vertrauen zu geflüchteten Eltern aufbauen?

Drei Frauen diskutieren miteinander.
© Stiftung Haus der kleinen Forscher
Mohini Lokhande beim Parlamentarischen Frühstück im Deutschen Bundestag.

M. L.: "Um besser zu verstehen, was Eltern sich wünschen und welche Vorbehalte sie haben, ist es entscheidend, leicht zugängliche und vielseitige Möglichkeiten zur Beteiligung der Eltern in der Einrichtung anzubieten. Da nicht alle Eltern gut Deutsch sprechen, können niedrigschwellige Angebote zu einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Eltern und Kita beitragen: eine gute Möglichkeit zum Kennenlernen oder zum Austausch sind Kochabende, Elterncafés, Exkursionen oder das Angebot an Eltern, einen Tag in der Einrichtung zu hospitieren. Bei Bedarf bietet es sich auch an, bestimmten Elterngruppen auf sie zugeschnittene Angebote zu machen, beispielsweise Sprachkurse oder Informationen zum Bildungssystemin Deutschland."

Weiterführende Infos

Einen Leitfaden zu Qualitätsmerkmalen und Strategien der Zusammenarbeit mit Eltern, entwickelt von der Vodafone Stiftung Deutschland sowie einer Expertenkommission, finden Sie hier:

Die Publikationen des Forschungsbereichs des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) zum Thema Zusammenarbeit zwischen Bildungseinrichtungen und Eltern können Sie kostenlos hier abrufen:

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