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Tipps

Verbundenheits- und Autonomieorientierung

Im Dialog mit Eltern helfen Kenntnisse über verschiedene kulturelle Modelle. Die Arbeitshilfe "Herzlich willkommen in unserer Kita" des Paritätischen Hamburg stellt zwei dieser Modelle, Verbundenheits- und Autonomieorientierung, einander gegenüber. Wir dokumentieren das Kapitel "Kulturelle Unterschiede" leicht gekürzt.

Kinder im Kita-Alter sitzen um einen Tisch. Ein Kind ist aufgestanden.
© Stiftung Haus der kleinen Forscher
Aufstehen während des Essens ist nicht in allen Kulturen gleich angesehen

Zwei verschiedene kulturelle Modelle sind das verbundenheitsorientierte und das autonomieorientierte Modell. Diese Einteilung wird zur prototypischen und vereinfachten Darstellung genutzt. In der Realität wird diese Darstellung auf keinen Fall den heterogenen Familienkulturen gerecht.

Wo sich die Kulturen finden

Verbundenheitsorientierte Kulturen sind in ländlichen Gegenden nicht westlicher Länder vertreten. Das soziale Verhalten wird hier der Gruppe angepasst und die soziale Gemeinschaft, sowie die Einbindung in diese, stehen im Fokus. Gehorsam und Respekt sind Charakteristika, die diese Kultur beschreiben können.

Autonomieorientierung findet sich vor allem in der westlichen Mittelschicht. Hier ist ein hohes Maß an formaler Schulbildung und ein Kind zentrierter und subjektiver Bildungsprozess Grundlage. Die Wünsche des Kindes stehen im Mittelpunkt. Unabhängigkeit, Individualität und Entscheidungsfreiheit sind als Erziehungsziele definiert.

Protoypische Modelle

In den folgenden Abschnitten werden anhand von praxisnahen Situationen diese zwei prototypischen Modelle umrissen. Es sollen hier keine Lösungen vermittelt werden, wie Sie diese Herausforderungen bewältigen können. Das Ziel ist vielmehr eine Sensibilität und ein Verständnis für die Verhaltensweisen zu entwickeln, die Sie beobachten werden.

Dialog mit den Eltern

Die Gespräche mit den Eltern werden in einer autonomieorientierten Kultur auf Augenhöhe geführt. In einer verbundenheitsorientierten Kultur richtet sich der Verlauf des Gespräches an sozialer Hierarchie und Autorität aus. Kita-Leitungen finden sich in der Rolle der Autorität wieder, der man mit Respekt gegenüber treten muss und der nicht widersprochen werden darf.

Auch der direkte Kontakt kann zu einem Hindernis werden, da Zugehörige einer verbundenheitsorientierten Kultur indirekten Kontakt pflegen. Eine Möglichkeit ist es das Gespräch an den Stärken und Ressourcen des Kindes zu orientieren und nicht konfliktzentriert zu agieren.

Ein weiterer Punkt, der beachtet werden muss, sind die unterschiedlichen Erziehungsvorstellungen, die in den Kulturen vorherrschen. Daher ist es unerlässlich in Bezug auf die vertrauensvolle Beziehung die unterschiedlichen Sichtweisen zu (er)klären.

Eingewöhnung

Sowohl das Berliner als auch das Münchner Modell beruhen auf bindungstheoretischen Forschungsergebnissen, welche besagen, dass eine fehlende Begleitung des Kindes den Übergang in eine Beziehung zur Fachkraft erschwert und die Bindungssicherheit des Kindes beeinträchtigt. Kinder haben im europäischen Kulturkreis eher wenige Bezugspersonen und wenig Erfahrungen mit Trennungen umzugehen. Das charakterisiert eine autonomieorientierte Erziehung.

Kinder in anderen Kulturkreisen haben von Geburt an häufig mehrere, wenn nicht sogar viele Bezugspersonen und sind nur gering an die Mutter gebunden. Diese Kinder benötigen daher meist eine weniger intensive Eingewöhnungsphase, wohingegen sie und ihre Eltern ggf. mehr Unterstützung im Kennenlernen des ihnen unbekannten Erziehungs- und Bildungsauftrages brauchen. Eine individuell abgestimmte und flexible Eingewöhnung, die sensibel auf die Eltern und das Kind eingeht, ist daher angeraten.

Schlafen

In der autonomieorientierten Kultur nehmen Schlafen, Ruhen und Entspannen einen großen Stellenwert im Tagesablauf eines Kindes ein. Kinder sollen so früh wie möglich mit individuellen Hilfestellungen im eigenen Bett schlafen, um eine frühe Selbstständigkeit zu erreichen. In verbundenheitsorientierten Haushalten hingegen sollen Kinder so lange wie möglich mit den Eltern, den Geschwistern oder anderen Familienmitgliedern in einem Bett schlafen, damit die Nähe und die Zusammengehörigkeit der Familie gestärkt wird. Das Alleine-schlafen-lassen der Kinder wird sogar in bestimmten Teilen der Welt als Kindesmisshandlung gewertet.

Essen

Das Erlernen von Ritualen und Regeln beim Essen und Trinken ist ebenso von Kultur zu Kultur von Unterschieden geprägt. Das Stillen zum Beispiel wird in prototypisch autonomieorientierten Familien schneller abgewöhnt. Kinder aus verbundenheitsorientierten Familien werden dagegen länger gestillt.

Auch die alltäglichen Mahlzeiten werden unterschiedlich organisiert. Isst man in den autonomieorientierten Regionen zu festen Zeiten mit der ganzen Familie an einem Tisch bis alle fertig sind, so wird in verbundenheitsorientierten Gegenden nach anderen Benimmregeln gegessen und den Kindern ist es durchaus gestattet während des Essens aufzustehen.

Spielen

Im prototypischen autonomieorientierten Modell dient das Spielen dazu, den Kindern Erfahrungsfelder anzubieten und ihre Interessen zu wecken, zu fördern und zu fordern. Sie sollen lernen Entscheidungen zu treffen und Dinge selbst zu entdecken. Darauf basiert das Verständnis des Erziehungs- und Bildungsauftrages in Kitas.

Im prototypischen verbundenheitsorientierten Modell wird das Spielen für unwichtig gehalten. Häufig wird es von den Erwachsenen unterbunden, weil es von Unreife zeugt. Das Spiel wird vielmehr mit alltäglichen Tätigkeiten verbunden. Die Kinder bekommen dann zum Beispiel einen Kinderbesen und fegen damit gemeinsam mit der Mutter das Haus.

Dieser große Unterschied basiert auf den Entwicklungszielen der verschiedenen Modelle. Verbundenheitsorientierte Kulturen verfolgen das Ziel die Kinder an die Welt der Erwachsenen heranzuführen und sie auf die Erwartungen und Verpflichtungen der Gemeinschaft vorzubereiten. Manche Kinder sind deshalb von dem großen Spielangebot in unseren Kitas und der Aufmerksamkeit, die nur ihnen geschenkt wird, überfordert.

Herzlich Willkommen in unserer Kita

Die Arbeitshilfe "Herzlich Willkommen in unserer Kita" des Paritätischen Hamburg bündelt auf rund 90 Seiten grundlegende Informationen zum Thema Flucht, praxisgerechte Impulse für die konkrete Arbeit, eine aktuelle Mediensammlung sowie eine Liste von Hamburger Netzwerkpartnerinnen und -partnern. Die Arbeitshilfe ergänzt die gleichnamige, sechssprachige und reich bebilderte Eingewöhnungsbroschüre, die über das Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend bezogen werden kann.
 

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