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Interview

Voneinander Lernen - Die Berliner Modellkitas

Bei der Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern geflüchteter Familien stehen Kita-Fachkräfte immer wieder vor ähnlichen Fragen: Wie bewältigen wir die Elternzusammenarbeit trotz Sprachbarrieren? Wie gehen wir mit unterschiedlichen Familienkulturen innerhalb der Kita-Kultur um? Was ist wichtig beim Umgang mit psychisch stark belasteten Kindern? Das Projekt „Berliner Modellkitas für die Integration und Inklusion von Kindern aus Familien mit Fluchterfahrung“ bietet Austausch und Beratung. Projektleiterin Anke Caspers sagt, hier gilt das Prinzip "Praxis berät Praxis".

Erzieherin mit Vorschulkindern
© iStock/skynesher

Wie fördert das Projekt "Berliner Modellkitas" die Fachkräfte rund um die Themen der Integration und Inklusion von Kindern aus Familien mit Fluchterfahrung?

Die Modellkitas reflektieren und entwickeln ihre Kenntnisse und pädagogische Praxis seit Beginn des Projektes in 2016 stetig weiter, u.a. durch fachlichen Input und Austausch im Rahmen von Arbeitskreistreffen. Die derzeit sechs Modellkitas sind Ansprechpartnerinnen zu Themen der Integration und Inklusion von Kindern aus Familien mit Fluchterfahrung. Sie laden Kitas und Fachschulen zu Vor-Ort-Besuchen in ihren Einrichtungen ein. Bei diesen Konsultationen teilen sie ihre Kenntnisse und den Erfahrungsschatz und bieten kollegiale Beratung bzw. Austausch nach dem Prinzip 'Praxis berät Praxis' an. Das von der Vernetzungsstelle des Projekts gebündelte Wissen aus den Modellkitas wird interessierten Fachkräften über die Projekt-Homepage zur Verfügung gestellt. Hier finden diese neben der Handreichung „Kultursensible Kita-Pädagogik“ und dem Animationsclip „Zusammenarbeit mit Familien mit Fluchterfahrung“ u.a. Links und Materialien zu unterschiedlichen Themen, z.B. Traumasensibles Arbeiten mit Kindern und Kommunikation. 2022 wurden zudem zwei Online-Fachaustausche für die Kita-Landschaft in Berlin und Brandenburg durchgeführt (in Zusammenarbeit mit dem Sozialpädagogischen Fortbildungsinstitut Berlin Brandenburg - SFBB).

Dieser vierminütige Animationsfilm stellt Erkenntnisse der Modellkitas zur Zusammenarbeit mit Familien mit Fluchterfahrung dar

Was denken Sie aus der Erfahrung der letzten Jahre, was braucht es von Seiten der Kitas für eine gelungene Integration von Familien mit Fluchterfahrungen? Wie kann man eine gute Kommunikation mit den geflüchteten Familien aufbauen?

Aus meiner Sicht sind eine offene Haltung, Verständnis und ein respektvoller Umgang der Leitung und Teams den Familien gegenüber sehr wichtig. Hilfreich ist, den Familien und jeweiligen Kindern Zeit für das Ankommen zu geben und sie dabei mit ihren Stärken und Herausforderungen aufgrund ihrer Fluchterfahrung und der Lebensumstände in Berlin wahrzunehmen. Beim Blick auf das jeweilige Kind ist es aus Projektperspektive wichtig, dieses mit seinen individuellen Ressourcen und Bedürfnissen wahrzunehmen. So können die Fachkräfte angemessen pädagogisch reagieren. Die Eltern sollten bei der Aufnahme über die Eingewöhnung und Abläufe in der Kita informiert werden und die Möglichkeit haben, ihre Fragen zu stellen. Hilfreich ist es zudem, den Eltern Fragen zu ihrem Kind und ihren Erwartungen zu stellen. Auch im weiteren Verlauf ist es wichtig, mit den Eltern über Elterngespräche und -abende gut in Kontakt zu bleiben. Die Fachkräfte können zur Unterstützung der Verständigung für Elterngespräche muttersprachliche Kollegen und Kolleginnen im Team, Stadtteilmütter oder Sprachmittler und Sprachmittlerinnen einbeziehen oder Hilfsmittel, wie Übersetzungstools und Bildwörterbücher verwenden. Zur professionellen Haltung gehört auch, die Grenzen der pädagogischen Arbeit anzuerkennen und die Familien ggf. an Beratungsstellen o.ä. im Sozialraum weiterzuvermitteln.

Seit dem Start des Projektes 2016 ist viel passiert, welche Herausforderungen sind durch den Ukraine-Krieg entstanden? Gibt es Unterschiede zu damals?

Aktuell gibt es unter anderem durch die neu angekommenen Kinder aus der Ukraine einen größeren Bedarf an Kita-Plätzen. In Berlin sind die Plätze grundsätzlich knapp und auch vor Beginn des Krieges hatten nicht alle Kinder mit einem Recht auf Bildung in der Kindertagesbetreuung einen Kita-Platz. Für Familien mit Fluchterfahrung ist die Hürde, einen Kita-Platz zu finden noch höher als für andere Familien. Im März 2022 appellierte die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in einem Trägerschreiben an die Kitas, Kinder aus der Ukraine unbürokratisch und niedrigschwellig aufzunehmen. Solch einen Apell gab es 2015/16 nicht. Viele Kitas haben Kinder aus der Ukraine aufgenommen. Gleichzeitig gibt es immer noch viele ukrainische Kinder ohne regulären Kita-Platz. Dies betrifft auch Familien aus anderen Herkunftsländern, die bereits in den letzten Jahren nach Berlin gekommen sind. Damit alle Kinder von den Angeboten der Frühen Bildung profitieren, muss der Platzausbau unbedingt weiter fortgeführt werden. Parallel zu den Modellkitas hat das Land Berlin 2015/2016 Sprungbrettangebote (Brückenangebot für Kinder in Gemeinschaftsunterkünften) und FBOs (Frühe Bildung vor Ort) als Betreuungsformen für Kinder aus Familien mit Fluchterfahrung geschaffen. In 2022 wurden diese deutlich ausgebaut, um u.a. Kinder aus Familien aus der Ukraine betreuen zu können.

Wie ist die Lage diesbezüglich in den Berliner Kindertagesstätten, welche Rückmeldungen haben Sie aus den Modellkitas?

Die Modellkitas haben in den letzten Monaten nach ihren Möglichkeiten auch Kinder aus der Ukraine aufgenommen. In der Arbeit mit den Familien und Kindern konnten sie an die letzten Jahre anknüpfen.

Bekommen Sie zurzeit vermehrt Anfragen aus weiteren Kitas? Und wie können Sie diese aktuell unterstützen?

Nach wie vor können Kitas von den Angeboten des Projekts profitieren: Wissenstransfer und Fachaustausch über Konsultationen, Homepage, Handreichung „Kultursensible Kita-Pädagogik“. Vor allem in den Monaten nach Beginn des Angriffskrieges in der Ukraine Ende Februar 2022 haben wir vermehrt Anfragen nach Beratung, Konsultationen und der Handreichung bekommen.
Im Juni und November dieses Jahres boten wir in Zusammenarbeit mit dem SFBB Online-Fachaustausche an, die auf großes Interesse aus der Berliner und Brandenburger Kita-Landschaft stießen. Unter dem Titel  „Kinder und Familien mit Fluchterfahrung in der Kindertagesbetreuung begleiten und stärken“ gab es beim ersten Termin einen Impulsvortrag zu Traumapädagogik und von den Modellkitas gestaltete Workshops u.a. zum Ankommen in der Kita und Vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung. Beim zweiten Fachaustausch stand Mehrsprachiges Aufwachsen und sprachliche Bildung im Mittelpunkt.

Wie ist ihr Eindruck: Haben Eltern aus der Ukraine andere Erwartungen an die Bildung in der Kita, zum Beispiel der Vorschule, als Eltern in Deutschland. Und melden sie daher eher die Kinder nicht in deutschen Kitas an?

Aus meiner Perspektive kann ich nicht beurteilen, aus welchen Beweggründen Eltern aus der Ukraine ihre Kinder möglicherweise nicht in Berliner Kitas anmelden. Manche möchten vielleicht erst einmal ankommen und ihre Kinder in der aktuellen Lage zunächst selbst betreuen, auch weil unklar ist, ob und wann sie zurückkehren können. Ich kann mir vorstellen, dass viele Familien durchaus eine Betreuung wünschen, jedoch keinen Platz finden. Es war ja schon vor der neuen Fluchtbewegung aus der Ukraine für viele Familien in Berlin schwierig, einen Kita-Platz für ihr Kind zu finden. Ich gehe davon aus, dass Eltern - u.a. je nach Bildungssystem des Herkunftslandes und dem eigenen Bild vom Kind - unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen bezüglich der Betreuung und Bildung ihrer Kinder haben. Hier möchte ich nicht verallgemeinern. Es gibt beispielsweise auch in der Ukraine verschiedene Formen der Kindertagesbetreuung und vermutlich auch unterschiedliche Erwartungen der Eltern.

Was muss in den Kitas noch verbessert werden, um eine gelungene Integration zu gewährleisten?

Neben ausreichenden Plätzen und gut qualifiziertem Personal wäre aus unserer Perspektive das Angebot einer „Kita-Sozialarbeit“ (angelehnt an die Schulsozialarbeit) sinnvoll, das allen Kindern zugutekommen könnte. Familien, die schon immer in Deutschland gelebt haben, sind auf unterschiedliche Weise gefordert und benötigen ggf. Beratung und Unterstützung. Familien mit Fluchterfahrungen stehen dabei vor der besonderen Herausforderung, sich erst einmal in einem neuen Land und mit einer neuen Sprache zurechtzufinden und Zugänge zu bestimmten Strukturen zu finden. Kita-Leitungen und Fachkräfte leisten aktuell schon einiges, die Familien anzusprechen und zu begleiten. Hier wäre es hilfreich, eine zusätzliche Kraft in den Kitas zu haben, die das Ankommen in der Kita erleichtert und den Alltag der Familien sowie den Übergang in die Schulen begleiten und vorbereiten kann. Damit die Fachkräfte mit den verschiedenen familiären Hintergründen der Kinder gut umgehen und die Familien entsprechend begleiten können, ist es aus unserer Perspektive wichtig, diese stärker in vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung fortzubilden. Auch die Wertschätzung der Mehrsprachigkeit der Kinder und Familienkulturen spielt eine wichtige Rolle.

Was denken Sie, kann frühe MINT-Bildung für nachhaltige Entwicklung, für die die Stiftung Haus der kleinen Forscher steht, einen Beitrag für eine gelungene Integration leisten? Wenn ja, welchen?

Ich denke, dass MINT-Bildung für nachhaltige Entwicklung, wie auch andere Bildungsbereiche in der Kita, zu einer guten Inklusion der Kinder aus Familien mit Fluchterfahrung betragen können, soweit die Kinder auch hier mit Ihren Ressourcen und Bedürfnissen wahrgenommen werden und die Angebote so gestaltet sind, dass sie entsprechend teilhaben und sich aktiv einbringen können.

Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Die Berliner Modellkitas

Das Projekt Berliner Modellkitas für die Integration und Inklusion von Kindern aus Familien mit Fluchterfahrung wurde 2016 vor dem Hintergrund der vielen neuen geflüchteten Familien von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie als Bestandteil des „Masterplans für Integration und Sicherheit“ initiiert. Seit Ende 2018 ist es Bestandteil des Berliner „Gesamtkonzepts zur Integration und Partizipation Geflüchteter“. Trägerübergreifend wurden acht Kitas in unterschiedlichen Bezirken und Sozialräumen als Modelleinrichtungen ausgewählt und es wurde eine Vernetzungsstelle eingerichtet, die im Verband evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder (VETK) des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (DWBO) angebunden ist.

Zur Person

Anke Caspers ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin und seit Juni 2020 als Projektleiterin in der Vernetzungsstelle der Berliner Modellkitas tätig. Vorher war sie in der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung an der regionalen Umsetzung der Bundesprogramme "Anschwung für frühe Chancen" und "Willkommen bei Freunden - Bündnisse für junge Flüchtlinge" u.a. in Berlin beteiligt.

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