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Interview

Bilanz nach einem Jahr Modellkitas

Acht Berliner "Modellkitas" sollen Beispiele dafür sein, wie Einrichtungen mit dem Thema Integration umgehen. Im zweiten Teil unseres Interviews erläutert Leiterin Marlies Knoops, was sie im ersten Jahr ihres Projekts gelernt hat. Aus ihrer Erfahrung gibt sie pädagogischen Fachkräften einen Fokus mit auf den Weg.

Marlies Knoops spricht auf der Bühne beim Fachtag der Modellkitas in Berlin
© Stiftung Haus der kleinen Forscher
Marlies Knoops auf dem Fachtag der Modellkitas in Berlin

Marlies Knoops

Unsere Interviewpartnerin ist Marlies Knoops, Projektleitung der Vernetzungsstelle "Berliner Modellkitas für die Integration/Inklusion von Kindern aus Familien mit Fluchterfahrung".

Ein Jahr Modellkitas: Was wurde bisher schon realisiert?

Marlies Knoops: "Zuletzt haben die Modellkitas unter dem Titel 'Gute Arbeit braucht ein starkes Netz' einen Fachtag für alle Berliner Kolleginnen und Kollegen organisiert, auf dem sich über 160 Teilnehmende zur Arbeit im Projekt und in den Kitas vor Ort informieren konnten, in den Fachaustausch gegangen sind und sich vernetzt haben. Außerdem gibt es einen regelmäßig stattfindenden Arbeitskreis der Modellkitas, in dem wir auch die Themen identifizierten, mit denen wir uns vertieft auseinandersetzen wollen. Abhängig von diesen Themen haben wir Workshops anbieten können, etwa zu asylrechtlichen Grundlagen in Bezug auf Kita, zu alltagsbasierter Sprachbildung, zu Traumasensibilisierung und -pädagogik und es sind weitere Fachimpulse und Workshops geplant, etwa zur interkulturellen Familienarbeit, zur Methodik der Konsultation; die Kitas werden auch bereits konsultiert.

Das Projekt hat eine eigene Website mit Informationen zu den Kitas und einer Link- und Materialsammlung. Wir haben eine 'Schatzkiste' mit thematisch geeigneten und in der pädagogischen Praxis erprobten Materialien zusammengestellt. Außerdem wird demnächst eine Handreichung des Projekts veröffentlicht, in der alle acht Modelleinrichtungen aus ihrer Praxis berichten und diese Praxiseinblicke zudem in aktuelle wissenschaftliche Überlegungen und Erkenntnisse zu kultursensibler Kita-Pädagogik eingebettet sind."

Welche Aufgaben haben die Modellkitas?

M. K.:  "Sie werden auf unterschiedliche Weise aktiv ins Projekt eingebunden:

  • Alle acht Einrichtungen haben zunächst ein Kurzkonzept zur Arbeit als Modellkita entwickelt.
  • Die Kitas vernetzen sich untereinander und mit anderen Einrichtungen, Bündnissen, Initiativen etc.
  • Das Angebot und die Möglichkeit, die Modellkitas konsultieren zu können, wird in lokalen Runden und Netzwerken, aber auch über die Homepage und den Fachtag bekannter gemacht. Und natürlich ist eine Kernaufgabe: Konsultationen durchzuführen und zu dokumentieren.
  • Die Kitas wirken bei der Zusammenstellung von thematisch geeignetem Material mit, das sie zum Beispiel auch im November auf ihrem Fachtag der Berliner Fachöffentlichkeit vorgestellt haben.
  • Sie wirken an der Erstellung einer Handreichung mit, die in Kooperation mit der Evangelischen Hochschule Berlin entsteht, und verfassen hier ihre eigenen Erfahrungsberichte."

Wie unterstützen die Modellkitas die Teilhabe aller Kinder und Familien?

Porträt von Marlies Knoops
© Stiftung Haus der kleinen Forscher
Marlies Knoops

M. K.:  "Eine der Kitas hatte zunehmend Kinder von Arabisch sprechenden Familien aufgenommen und die Info-Aushänge in der Kita nun zusätzlich auf Arabisch übersetzt und ausgehängt. Die Kita-Leitung berichtete mir, wie sich daraufhin ein polnischer Vater an eine Kollegin wandte und erklärte, warum er nun doch etwas irritiert sei: Vorher konnte er die deutschen Aushänge nicht alle lesen, nun aber weder die arabischen, noch die deutschen. Das zeigt so schön, welchen Kern das Projekt und auch die Aufgabe der Kitas hat: Es geht nicht darum, die Einrichtungen ausschließlich auf die Ankunft geflüchteter Familien vorzubereiten oder gar diese neue Situation zu priorisieren. Vielmehr greift der Prozess tiefer und bietet die Chance, seine Arbeit noch einmal grundlegend auf die Teilhabemöglichkeiten aller Kinder und Familien zu überprüfen, das Konzept inklusiv zu denken. Das Projekt lädt ein zur Selbstreflektion, zur aktiven Gestaltung eines Ortes, der allen Kindern und ihren Familien die Möglichkeit bietet, mit ihren vorhandenen Ressourcen anzukommen und teilzuhaben. Die Kita hat nun mithilfe der Eltern ihre Aushänge in allen vertretenen Sprachen übersetzt und arbeitet auch mit Bildsprache."

Was würden Sie allen Erzieherinnen und Erziehern gerne mitgeben, die mit geflüchteten Kindern arbeiten oder vor allem auch jenen, die noch vor dieser Aufgabe stehen und sich eventuell Sorgen machen?

M. K.:  "Schon oft zitiert, und doch immer noch so zentral ist für diese Arbeit die Aussage der UNICEF- Studie: 'In erster Linie Kinder' – dieser Fokus auf das Kindsein unterstützt nicht nur die Wertschätzung aller Kinder mit Fluchterfahrung als Individuen, die nun einmal allem voran Kinder sind und nicht auf ihre Fluchterfahrung reduziert werden können. Dieser Fokus kann auch enorm erleichternd sein in der Arbeit mit diesen Kindern, weil er den Erzieherinnen und Erzieherin verdeutlicht, dass sie sich – und zwar mehr, als sie meist glauben – auf vertrautem Terrain befinden, auf Gelerntes, auf ihre Alltagspraxis zurückgreifen können. Jedem Kind individuell zu begegnen, bedarfsgerecht auf es einzugehen, Brücken zu finden, um eventuell Hinderndes an der Teilhabe an Bildung und Erziehung auszuräumen, das ist Kernaufgabe einer jeden Erzieherin, eines jeden Erziehers. Und gerade in Berlin sind geflüchtete Menschen nicht die ersten Menschen, die aus anderen Familien- oder Sprach-Kulturen zu uns kommen."

Ich glaube, viele würden gern unterstützend da sein, aber haben die Sorge, etwas falsch zu machen.

Was bewegt die Pädagoginnen und Pädagogen Ihrer Erfahrung nach?


M. K.:  "Ich glaube, viele würden gern unterstützend da sein, aber haben die Sorge, etwas falsch zu machen. Oft ist diese Sorge auch verknüpft mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit, wenn eine Kita viel in die Aufnahme und Eingewöhnung eines Kindes investiert und die Familie dann plötzlich abgeschoben wird oder umziehen muss, es also wieder einen Bindungsabbruch gibt. Im Sinne des Kindes ist aber ganz klar: der Ressourceneinsatz lohnt in jedem Falle, da es in dieser jetzigen Phase seiner Entwicklung positive (Bindungs-)Erfahrungen gemacht hat, die ebenso prägend sind und auf die es in jeder neuen Situation zurückgreifen kann.

Oder aber Kita-Teams erleben, dass eben längst nicht das ganze Team oder die Elternschaft hinter der Aufnahme von geflüchteten Kindern und Familien steht und es innerhalb der Kitas zu starken Auseinandersetzungen oder Meinungskonflikten kommt. Das kann sehr kräftezehrend sein, aber diese Auseinandersetzung lohnt sich! Für das Recht eines jeden Kindes auf Bildung, Erziehung und Betreuung einzustehen, ist da oft das Schlüsselmoment in solchen Debatten und darauf schlicht und einfach zu bestehen, bringt oft große Klarheit und bewahrt die Sachlichkeit.

Ich kann also nur den Mut bestärken, eine klare und offene Haltung zu beziehen, die sich für jedes einzelne Kind ausspricht, da diese Arbeit auch entscheidende Auswirkungen auf das gesamtgesellschaftliche Zusammenleben hat – und die Gesellschaft, in der man leben möchte, aktiv mitzugestalten, lohnt sich für jeden Einzelnen und jede Einzelne."

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