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Bericht

Der Junge mit dem Zick-Zack-Pony

Sechs Kinder mit Fluchterfahrungen besuchen die Kita Sinneswandel in Berlin – sie alle sind gehörlos. Eines davon ist der fünfjährige Mahdi. Das Konzept der Kita ermöglicht ihm Integration und Teilhabe.

Eine Playmobil-Figur mit Zick-Zack-Pony
© Stiftung Haus der kleinen Forscher
Mahdis selbstgeschnittene Haare gleichen dem Schnitt einer Playmobil-Figur

Mirjam Heimann hält die Laterne in der Hand, die der fünfjährige Mahdi soeben fertig gebastelt hat und zeigt ihm mit allem, was sie hat, dass sie stolz auf ihn ist: Mit ihren Händen und Gesten, ihren Augen, ihrem Lachen, ihrem ganzen Körper. Trotzdem ist es ruhig im Raum der Kita Sinneswandel in Berlin. Denn Mahdi ist gehörlos.

Sie sind von einem Auffanglager zum nächsten gezogen.

Zusammen mit seinen Eltern und den beiden älteren Geschwistern ist er aus Afghanistan geflohen. Zu fünft machten sie sich auf den Weg, kamen über das Mittelmeer und landeten in Griechenland. "Von dort sind sie von einem Auffanglager zum nächsten gezogen", sagt Anja Hennig, Leiterin der Kita Sinneswandel. Zu Fuß, drei Monate, bis sie dann voriges Jahr in Berlin ankamen. Die Familie bekam eine Aufenthaltsgenehmigung und Mahdi einen Kita-Platz in Charlottenburg, wo er Gebärdensprache lernen kann. Dabei war die Familie in Friedrichshagen untergebracht – am anderen Ende der Stadt. Die Mutter konnte erahnen, welche Chancen sich ihrem Kind dadurch eröffneten und brachte Mahdi jeden Tag: anderthalb Stunden hin, anderthalb Stunden zurück.

Zu Fuß von Griechenland nach Deutschland

Eine selbstgebastelte Laterne aus Papptellern liegt auf einem Tisch
© Stiftung Haus der kleinen Forscher
Mahdi hat eine bunte Laterne gebastelt

"Es war ihr wichtig, dass Mahdi jeden Tag kommt", sagt Hennig. Das erste, was die Pädagoginnen und Pädagogen dem Jungen dadurch mitgeben konnten, war eine regelmäßige Struktur. Für Mahdi bedeutet das: Ich kann mich orientieren, ich weiß, was jetzt passiert und auch, was wir später machen. Das gibt Sicherheit und Halt und beruhigt.

"Man muss sich nur drei Minuten Zeit nehmen und sich in ein Kind hineinversetzen, das zu Fuß von Griechenland nach Deutschland gekommen ist", sagt Anja Hennig. "Das ist ein Überlebenskampf. Und jetzt stellen Sie sich vor, wie es sein muss, wenn dieses Kind nichts hört." Anja Hennig ist es gewohnt, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. In ihrer Kita arbeiten hörende und nicht hörende Menschen zusammen und betreuen Kinder mit und ohne Behinderungen. Alle Mitarbeiter beherrschen Deutsche Gebärdensprache und der Feueralarm ist im Notfall nicht nur überall laut zu hören, sondern auch zu sehen.

Während der Flucht musste Mahdi sich auf seine anderen Sinne verlassen, um zu lernen, welche Informationen wichtig sind und welche Regeln gelten. Er musste mitbekommen, wann Gefahr drohte. Also hat er Methoden entwickelt, um sich verständlich zu machen ohne lange zu verhandeln: Beim Essen kletterte er über die Tische und schnappte den anderen Kindern die Kartoffeln und Erbsen vom Teller, schubste oder schrie unartikuliert.

Bilder helfen bei der Kommunikation

Inzwischen kennt Mahdi den Rhythmus der Kita. Nach dem Morgenkreis stellen sich Erzieherin Mirjam Heimann und die Kinder ihrer Gruppe vor dem großen Wochenplaner auf und besprechen gemeinsam, was die Mädchen und Jungen den Tag über erwarten wird. Dazu nimmt Heimann kleine Bilder zu Hilfe. Sie untermalt ihre Gebärden, indem sie immer wieder die Geste zeigt und das entsprechende Bild hochhält: Frühstücken, Morgenkreis – diese Bilder hängen schon. Weitere verraten, dass heute noch Basteln, ein Gang in den Garten, Mittagessen und Ausruhen auf dem Plan stehen.

"Wir arbeiten viel mit Bildern", sagt Hennig. Einen Großteil der Bildkarten erstellen die Erzieherinnen und Erzieher selbst.

Über die Kita Sinneswandel

Das Konzept der Kita Sinneswandel ist zurzeit noch einzigartig. Hier wachsen 65 Kinder mit und ohne Behinderung, mit und ohne Hörschädigung miteinander auf. Auch ein Teil der Erzieherinnen und Erzieher kann nicht hören – alle beherrschen aber Deutsche Gebärdensprache. "Zu uns sind schon Einrichtungsleitungen aus Hamburg gekommen, aus NRW und aus Thüringen, um sich unsere Kita anzuschauen", sagt Anja Hennig, der Leiterin des Kindergartens. Träger ist die Sinneswandel gGmbH, die sich für die Förderung gehörloser und hörgeschädigter Menschen einsetzt. Neben der Kita gibt es Wohngruppen, einen Kinder- und Jugendclub oder betreutes Einzelwohnen.

Zur Website der Kita

Mahdis Gebärdenname

Auch eine Reihe von Fotografien hängt an der Wand. Auf jedem Foto ist ein Kind aus der Gruppe abgebildet, auf dem es seine Namens-Gebärde macht. Mahdi zum Beispiel hält zwei Finger an die Stirn. Mirjam Heimann macht die ganze Gebärde vor: Mit zwei Fingern als Schere tut sie so, als ob sie sich im Zick-Zack einen Pony schneidet: "Mahdi hatte sich seine Haare selbst geschnitten, als er zu uns kam. Das war ziemlich markant und alle konnten ihn daran wieder erkennen. Und so entstand daraus sein Gebärden-Name." Darunter steht in lateinischen Druckbuchstaben auch der Name, den ihm seine Eltern gegeben haben: MAHDI.

Wir lernen Deutsch und Mahdi lernt Gebärdensprache.

Neben Mahdi hängen Bilder von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund, von Kindern, die keinen gesonderten Förderbedarf benötigen und Kindern, die gehörlos sind. Insgesamt gehen sechs Kinder in die Kita, die aus ihrem Heimatland fliehen mussten. Jedes von ihnen hat seine eigene Geschichte, jedes geht anders mit der Gehörlosigkeit um. Das tun auch die Eltern. "Mahdis Mutter war sehr bemüht, die Geschwister sehr offen und wissbegierig. Sie sagten: 'Wir lernen Deutsch und Mahdi lernt Gebärdensprache'“, meint Hennig.

INFO: Nonverbale Kommunikation

Das empfiehlt Erzieherin Mirjam Heimann, um einen ersten Kontakt auch ohne verbale Sprache gut zu gestalten:

  1. Immer Blickkontakt suchen und halten.
  2. Zu Beginn einfache und deutliche Gebärden verwenden, nach Möglichkeit sich aber mit Deutscher Gebärdensprache auskennen und nichts erfinden.
  3. Um jemand anzusprechen, immer Körperkontakt suchen und die anzusprechende Person antippen.
  4. Einzelne Gebärden immer wiederholen, wiederholen, wiederholen und konsequent verbal kommunizieren.
  5. Mit freundlicher Mimik zur verbalen Kommunikation einladen, lächeln und ermuntern sich "zu trauen" einfach nur anders zu "reden".

Gehörlos – ein weiter Weg zur Identität

Damit sich auch zu Hause alle verstehen und kommunizieren können, darf Mahdi jeden Tag eine "Hausaufgabe“ mitnehmen: eine Bildkarte, auf der auch das dazu gehörige deutsche Wort steht. Die Mutter kann es aufschreiben oder sagen und Mahdi macht dann die entsprechende Gebärde dazu. Mittlerweile lebt die Familie in der Nähe der Kita – die Mutter hat sich um eine neue Unterkunft bemüht, was den Alltag sehr erleichtert.

Vor Mahdi liegt noch ein weiter Weg, bis er frei kommunizieren kann. "Seine Kommunikation entwickelt sich nur langsam weiter", sagt Mirjam Heilmann. Doch es geht voran: Er kennt die anderen Kinder, sie kennen ihn. Mahdi weiß, dass er nicht über die Tische klettern soll, dass er auch einen vollen Teller mit Essen bekommt, dass er einen trockenen und sicheren Platz zum Schlafen hat. Dann ist auch Zeit, für andere Dinge: Laternen basteln zum Beispiel. "Ich habe eine richtige Gänsehaut", sagt Mirjam Heimann zu Mahdi und kribbelt mit ihren Fingern über ihren Arm. Der Junge mit dem Zick-Zack-Pony lächelt stolz.

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