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Praxisbeispiel

"Die Kita als sicherer Hafen"

"Am Anfang dachten wir, wir stünden vor einem riesigen Berg, aber dann war es nur ein kleiner Hügel", sagt Erika Krempff über die Integrationsarbeit. Sie leitet die Kita Ludwigshafener Straße in Stuttgart. 60 Prozent der Kinder in der Einrichtung haben einen Migrationshintergrund. Hier berichten sie und die Erzieherinnen Erika Krieger und Franziska Hammele von ihrem Arbeitsalltag.

Zwei Kinder sitzen am Tisch, vor ihnen eine rote Box. Sie forschen zum Thema ‚Strom und Energie‘
Die Kita stellt den Kindern vielseitige Materialien zur Verfügung. Hier forschen die Kinder zum Thema "Strom und Energie"

Die Kita

  • Kita Ludwigshafener Straße 30, Stuttgart Weilimdorf
  • Ansprechpartnerin: Erika Krempff (Kita-Leiterin)
  • Ort: Stuttgart
  • Kinder: 130 Plätze; ca. 60 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund; aktuell sind sechs geflüchtete Kinder in der Kita

Was verstehen Sie unter einer gelungenen Integration?

Erika Krempff: "Gelungene Integration, das ist, wenn es für alle selbstverständlich ist, dass Kinder in ihrer Individualität und Verschiedenheit angenommen werden und miteinander den Alltag gestalten. Wenn Kinder und Eltern gerne in die Kita kommen, sich wohlfühlen und Wege der gemeinsamen Verständigung finden. Dies geschieht mit einer Haltung gegenseitiger Wertschätzung und Akzeptanz."

Wie gestaltet sich die Verständigung in der Kita miteinander?

Franziska Hammele: "Unser Begrüßungslied ‚Hallo Hallo‘ versuchen die Kinder gleich von Anfang an mitzusingen. Sie singen mit, auch wenn sie die Worte nicht verstehen. Mangelnde oder keine Deutschkenntnisse stellen für uns keine große Umstellung dar. Schon früher sind Kinder mit Migrationshintergrund in unsere Kita gekommen, die Kinder konnten dann auch kein Deutsch. Außerdem hat die Stadt Stuttgart ein gutes Netzwerk: Wir können Dolmetscher anfordern und werden durch multikulturelle Teams, zum Beispiel syrische oder persische  Erzieherinnen, unterstützt."

Haben Sie sich speziell auf die Flüchtlingskinder vorbereitet?

Kinder bauen mit Holzelementen
Die Kinder haben Spaß beim Bauen mit Holzelementen

Erika Krempff: "Bevor unser erstes geflüchtetes Kind in die Kita kam, haben wir, also das ganze Team, einen Konzeptionstag ‚Haltung‘ abgehalten. Wir haben uns mit unserer eigenen Biografie zum Thema Fremdheit auseinandergesetzt und unsere ‚Haltung‘ reflektiert. Es wurden viele Dinge besprochen und hinterfragt. Ein Thema welches uns unter vielen beschäftigte, war zum Beispiel unser Tagesablauf mit seinen Strukturen. Es finden bestimmte Dinge, wie der Morgenkreis und Projekte, zu bestimmten festen Zeiten statt. Manche Kinder werden nicht pünktlich zur Kita gebracht. Denn wie soll das gehen? Wie soll man pünktlich sein, wenn sich so viele Menschen in einer Flüchtlingsunterkunft ein Bad teilen müssen? Wir haben uns gefragt: Ist uns Pünktlichkeit wirklich so wichtig? Können wir das nicht organisieren?

Auch haben wir die Eltern zu einem gemeinsamen Austausch eingeladen. Ein Ergebnis unseres Konzeptionstages war auch, dass Kinder mit Fluchterfahrung keine besondere Stellung bekommen, sondern alle Familien und Kinder in unserer Kita noch sichtbarer werden. Bereits seit vielen Jahren gibt es eine große Tafel im Eingang mit Fotos von allen unseren Kita-Kindern. Von jedem Kind gibt es zwei Fotos, eins von vorne und eins von hinten. Wenn die Kinder morgens kommen, wird das Foto so gedreht, dass es von vorne zu sehen ist. Wenn das Kind geht oder nicht da ist, sieht man das Foto, bei dem das Kind von hinten zu sehen ist. Zusätzlich  gibt es nun Ich-Bücher und von jeder Familie ein Familienblatt."

Welches sind aktuell die größten Herausforderungen für die Kita auf dem Weg zur gelungenen Integration?

Erika Krempff: "Aktuell stellen für uns die Umzüge der Kinder mit ihren Familien ein Problem dar. Dadurch wechseln die Ansprechpartner für die Familien, zum Beispiel in den Behörden. Es stellt sich die Frage, wer zuständig ist. Außerdem kommen die Kinder nicht zur Ruhe. Ein Vater bringt daher sein Kind weiterhin  in unsere Kita, obwohl die Familie schon dreimal umgezogen ist. Für ihn bedeutet das einen sehr weiten Weg. Daher darf auch der ältere Bruder das Kind abholen."

Gibt es Maßnahmen, die gut klappen?

Franziska Hammele: "Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur gelungenen Integration ist, nicht nur das Vertrauen der Kinder, sondern auch der Eltern, zu gewinnen. Einige der Eltern hatten die Befürchtung, dass die Kinder in der Kita nicht auf die Schule vorbereitet werden, weil sie nur spielen. Diese Eltern mussten verstehen, dass Spielen auch Lernen ist und Vertrauen haben, dass die Kinder hier schon gefördert werden. Inzwischen haben auch die Eltern uns als Bezugspersonen der Kinder angenommen und das ist ein großer Erfolg."

Können MINT-Experimente bei der Integration von Kindern helfen?

Erika Krieger: "Ja, wir haben diese Erfahrung gemacht. In unseren Funktionsräumen stehen vielseitige Materialien zur Verfügung. So haben die Kinder ständig die Möglichkeit, je nach Alter und Interesse zu forschen. Mit unseren Vorschulkindern führen wir zusätzlich immer ein Projekt zu einem speziellen Thema durch; zum Beispiel ‚Licht, Farben, Sehen‘, ‚Mathematik um uns herum und in der Umgebung‘ oder ‚Automobile‘. Die Inhalte beleuchten wir mehrere Monate aus verschiedenen Perspektiven. Wir kooperieren mitunter auch mit Firmen, machen Ausflüge, Exkursionen. Über das gemeinsame Forschen und Experimentieren kommen die Kinder ins Gespräch. So hat sich zum Beispiel eines unserer geflüchteten Kinder schwer mit der deutschen Sprache getan. Sein drittes deutsches Wort war: ‚Motorrad‘. Das war ‚sein‘ Interesse, da konnte man dann anknüpfen. Plötzlich ging das mit der deutschen Sprache ganz von alleine."

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