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Praxisbeispiel

Theaterpädagogik für die Integration nutzen

Kinder aus 21 Nationen besuchen die Grundschule Eversburg in Osnabrück. Der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund liegt bei 65 Prozent. Kinder mit Fluchthintergrund besuchen sowohl die Sprachlernklasse als auch die Stammklassen. Ein Theaterprojekt über Aliens bringt alle Kinder zusammen.

Gruppenfoto aller Beteiteiligter am Theaterprojekt
© Stiftung Haus der kleinen Forscher
Alle mit an Bord (von links nach rechts): Schulleiterin Cornelia Klösel, Theaterpädagogin Johanna Bethge, Praktikantin Jessica Reyelts sowie Liane Kirchhoff, Mitarbeiterin der theaterpädagogischen werkstatt und Sozialarbeiterin Ann-Christin Rüngling

Ein Mädchen sitzt am Boden, sie hat ihren Turnschuh wie einen Telefonhörer ganz fest ans Ohr gedrückt und lauscht. Bekannte Klänge dringen an ihr Ohr. Doch etwas stört sie: "Nicht Russisch, Ukrainisch!", beschwert sie sich.

Liane Kirchhoff sitzt am anderen Ende der Leitung neben ihr, mit ihrem eigenen Schuh am Ohr. Die Mitarbeiterin der theaterpädagogischen werkstatt spricht russisch mit ihr, aber ukrainisch kann sie nicht. Die Verständigung übers Telefon scheint einfach nicht zu klappen. Was tun? Kirchhoff versucht es in einer Fantasiesprache, und siehe da: Die Augen des Mädchens werden groß, sie antwortet darauf, und beide müssen lachen.

Die Möglichkeiten der Theaterpädagogik

Das Theaterprojekt an der Grundschule Eversburg möchte Kinder, die neu in Deutschland sind, und solche, die hier schon immer leben, zusammenbringen. Gemeinsam übt die Gruppe während des Schuljahres ein Theaterstück ein und am Ende des Schuljahres stehen drei Aufführungen in der Schule an, zu denen Mitschülerinnen und Mitschüler, Eltern und Interessierte eingeladen sind.

"Die Theaterpädagogik bietet so viele Möglichkeiten miteinander zu interagieren, auch wenn die Sprache noch Grenzen setzt. Außerdem haben die Kinder die Chance, spielerisch neue Dinge auszuprobieren, die sie vielleicht sonst nicht ausprobieren können", sagt die Schulleiterin Cornelia Klösel.

Die Geschichte der Aliens

Ein Mädchen und eine Frau sitzen auf dem Boden und haben jeweils einen Schuh am Ohr
© Stiftung Haus der kleinen Forscher
Im Theater kann man auch mit Schuhen telefonieren

Für die Umsetzung des Projektes holte sich die Schule Unterstützung durch das Team der theaterpädagogischen werkstatt in Osnabrück. Seit Herbst begleitet nun die Theaterpädagogin Johanna Bethge elf Kinder einmal pro Woche. Sie hatte auch die Idee, dass es im Stück um Aliens gehen soll. Wenn Außerirdische auf den Planeten Erde kommen, weiß niemand, wer sie sind, und auch ihnen ist alles neu und fremd. Wie ist das wohl für sie? Den Rest der Geschichte haben sich die Kinder selbst ausgedacht. Sie haben sich überlegt, wie die Aliens sprechen, wie sie sich bewegen und wie eine Alien-Schule aussieht.

"Die Kinder können sich in diesem thematischen Rahmen frei entfalten und sich zeigen. So haben wir zum Beispiel eine Stunde lang nur Fantasiesprache gesprochen", berichtet Johanna Bethge.

Über die theaterpädagogische werkstatt

Die theaterpädagogische werkstatt (tpw) wurde 1994 gegründet, um Kinder und Jugendliche stark zu machen gegen Drogen, Gewalt und sexuellen Missbrauch. Probleme und Konflikte werden in unterschiedlichen Theaterprogrammen thematisiert und nachbereitet. Daneben bietet die tpw Theaterprojekte für verschiedene Zielgruppen zu unterschiedlichen Themen an, die das Ziel verfolgen, dass Teilnehmende eigene, neue Ausdrucksformen finden und dabei selbstbewusst, aktiv und handlungssicher werden.

Nach der Probe haben wir die Macherinnen zum Interview getroffen.

Die Gruppe spielt seit September zusammen. Gibt es Dinge, die jetzt - nach gut einem halben Jahr - schon gut klappen?

Johanna Bethge: "Man merkt schon eine große Entwicklung. Vor allem im Umgang miteinander. Die Gruppe war anfangs sehr unruhig und viele Kinder verstehen auch jetzt noch nicht alle Regeln. Aber sie wollen sich untereinander verstehen. Sie geben sich auch vernünftig Kritik, verbalisieren, was sie gesehen haben, was sie gut fanden, was ihnen gefallen hat. Und sie helfen sich gegenseitig. Auch das Selbstbewusstsein wächst beim Theaterspielen. Das haben wir an mehreren Kindern beobachtet, die bisher recht still waren, beim Spielen aber regelrecht aufblühen.

Wir sind aber noch sehr am Anfang. Gerade in den ersten drei Monaten haben wir viele Theaterübungen gemacht zum körperlichen Ausdruck, zu Bewegung, Pantomime und Tanz, auch Übungen aus dem Impro-Theater. Damit die Kinder sich überhaupt trauen, voreinander zu spielen und sich als Gruppe verstehen."

Welche theaterpädagogischen Übungen eignen sich dazu, eine Gruppe zu bilden?

J. B.: "Wir haben zum Beispiel eine Übung gemacht mit einem Professor für Schneckenkunde, der interviewt wird. Der Professor spricht allerdings eine für alle unbekannte Sprache, zum Glück gibt es aber einen Dolmetscher. Der Professor und der Dolmetscher sprechen also beide eine Fantasiesprache und der Dolmetscher muss sich immer ausdenken, was der Professor sagt. Das ist immer unheimlich lustig für alle."

Gibt es auch etwas, das nicht so gut geklappt hat?

Cornelia Klösel: "Zunächst hatten wir die Idee, dass geflüchtete Kinder 'alteingesessene' Kinder als Patinnen und Paten an die Seite gestellt bekommen. Wir hatten uns gedacht, dass die Kinder unterstützende Aufgaben übernehmen können, beispielsweise beim Dolmetschen oder Texte formulieren helfen. Das hat aber nicht funktioniert, denn es haben sich viel mehr Kinder gemeldet, deren Muttersprache nicht Deutsch ist."

Spielen ist eine großartige Möglichkeit, Sprache und Ausdruck zu lernen

Und wie klappt Sprache lernen beim Theater spielen?

C. K.: "Für die Kinder zählt vor allem eins: es muss Spaß machen. Aber viele Eltern haben einen sehr hohen Anspruch an ihre Kinder und können es nur schwer aushalten, dass ihre Kinder den ganzen Nachmittag 'nur spielen'. Wir versuchen ihnen dann zu vermitteln, dass Spielen eine großartige Möglichkeit ist, Sprache und Ausdruck zu lernen."

Liane Kirchhoff: "Sprache lernt sich mit Bewegung einfach leichter."

Wie geht das Stück eigentlich aus?

J. B.: "Das wird noch nicht verraten. Aber eins darf ich bestimmt schon sagen: Die Alienkinder lernen ganz alleine, jeder für sich auf seinem eigenen Planeten. Und da sind sich schon jetzt alle einig: zusammen lernen ist doch schöner!"

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