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Praxisbeispiel: Biografie-Projekt der Bremer Grundschule Stichnathstraße

Im Mittelpunkt steht jedes einzelne Kind

Wo komme ich her? Wo will ich hin? Was macht mich aus? Es ist wichtig für Kinder, sich mit ihrer Identität auseinander zu setzen. Das gilt für Kinder, die in Deutschland geboren wurden genauso wie für diejenigen, die erst kürzlich ihre Heimat verlassen mussten. Mit einem "Biografie-Projekt" leistet die Grundschule Stichnathstraße aus Bremen Identitäts- und Integrationsarbeit ohne auszugrenzen.

Zwei Porträtbilder liegen auf einem Tisch im Kunstraum.
Wer bin ich? Was macht mich aus? Im Biografie-Projekt setzen sich die Kinder mit sich selbst auseinander, ohne dass es die ganze Zeit thematisiert wird.

"So eine Augenfarbe habe ich gar nicht", sagt Anna. Sie verdreht die Augen und zuckt ratlos mit den Schultern. Also: was nun? Kerstin Holst weiß Rat und gibt Tipps: Die Schülerin mischt erneut die Farben, gleicht ab, übermalt und mischt noch einmal. Die Kinder wissen zu schätzen, dass Kerstin Holst ihr Handwerk beherrscht: Die Bremer Künstlerin kennt viele Tricks und Kniffe, wenn es um Farben und Materialien geht. Und sie kennt die Schülerinnen und Schüler der dritten Klasse in der Grundschule Stichnathstraße. In einer Doppelstunde arbeitet sie einmal in der Woche gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern im "Biografie-Projekt". Sie hat es konzeptioniert, um den Austausch zwischen den Kindern an der Brennpunktschule zu fördern.

Die Ausgangsidee lautete: "Wie kann ich die Kinder dazu bewegen über sich und ihre Geschichte zu berichten? Aber ich will niemanden ausgrenzen. Und wie ist es möglich, dass ich als Erwachsener nicht die ganze Zeit die Diskussionen anleite?" Das Ergebnis ist aus Pappe und es steckt eine Menge Arbeit und ganz viele Geschichten darin: ein selbst gestaltetes, persönliches Buch jedes einzelnen Kindes.  

Zur Ausstellung kommen fast alle Eltern

Eines der Bücher, das die Kinder erstellt haben steht aufgeklappt auf dem Boden.
So können die Bücher aussehen, wenn sie fertig sind.

Die Bücher – sie sind wirklich groß und voller Bedeutung. Die Kinder bearbeiten auf jeder der DIN-A-3-Pappen unterschiedliche Aspekte von sich selbst: Eine Seite nimmt ein Porträt ein, auf einer anderen ist die ganze Familie auf dem Stadtplan von Bremen zu sehen, auf dem nächsten kann das Lieblingsessen gemalt worden sein oder auch der Berufswunsch.

Und dann gibt es noch eine Seite, auf der mit dicken schwarzen Lettern der Vorname des Kindes steht: Daniela, Annika, Lovely, Kanaan oder auch Amelie. Daneben ist genügend Platz für ein Bild: "Wir haben ein wenig Namensforschung betrieben. Es war toll zu sehen, wie die Kinder reagierten und auf einmal selbstbewusster wurden, wenn sie herausfanden, dass ihr Name 'die Stolze' bedeutet, oder auch 'der Starke'", erzählt Schulleiter Carsten Dohrman.

Bildergalerie: Was bedeutet mein Name?

Eine Seite des Buches, es wurde Namensforschung betrieben: Der Name ist gestempelt und es wurde ein passendes Bild dazu gemalt.
Eine Seite des Buches, es wurde Namensforschung betrieben: Der Name ist gestempelt und es wurde ein passendes Bild dazu gemalt.
Eine Seite des Buches, es wurde Namensforschung betrieben: Der Name ist gestempelt und es wurde ein passendes Bild dazu gemalt.
Eine Seite des Buches, es wurde Namensforschung betrieben: Der Name ist gestempelt und es wurde ein passendes Bild dazu gemalt.
Eine Seite des Buches, es wurde Namensforschung betrieben: Der Name ist gestempelt und es wurde ein passendes Bild dazu gemalt.
Eine Seite des Buches, es wurde Namensforschung betrieben: Der Name ist gestempelt und es wurde ein passendes Bild dazu gemalt.
Eine Seite des Buches, es wurde Namensforschung betrieben: Der Name ist gestempelt und es wurde ein passendes Bild dazu gemalt.
Eine Seite des Buches, es wurde Namensforschung betrieben: Der Name ist gestempelt und es wurde ein passendes Bild dazu gemalt.
Eine Seite des Buches, es wurde Namensforschung betrieben: Der Name ist gestempelt und es wurde ein passendes Bild dazu gemalt.
Eine Seite des Buches, es wurde Namensforschung betrieben: Der Name ist gestempelt und es wurde ein passendes Bild dazu gemalt.
Eine Seite des Buches, es wurde Namensforschung betrieben: Der Name ist gestempelt und es wurde ein passendes Bild dazu gemalt.

"Es war mir wichtig, dass die Bücher haltbar sind und stabil. Schließlich sollen sie den Kindern vergegenwärtigen, was sie da Wertvolles in den Händen halten", sagt Kerstin Holst. Die Bücher werden dann in einer Ausstellung den Eltern präsentiert. Der Leiter der Grundschule Stichnathstraße lächelt verschmitzt, als er erzählt: "Dann kommen 90 Prozent der Eltern. Bei unseren Elternabenden sind es höchstens so um die 60 Prozent einer Klasse." Auch die Eltern kommen so ins Gespräch – miteinander, mit den Lehrern, aber auch mit ihren Kindern.

Der Bremer Norden ist spannend – genauso wie Syrien oder die Türkei

Die Kinder wissen, wo sie selbst aufgewachsen sind. Aber wenn sie sagen sollen, wo ihre Eltern ihre Kindheit verbracht haben, müssen sie nachfragen. Das ist schön, regt den Austausch an und sorgt für Verblüffung in der Klasse: "Wir hatten Kinder, deren Eltern kamen aus ganz anderen Bremer Stadtteilen, das ist dann auch ganz verblüffend und wert, darüber zu reden. Genauso, wie andere Kinder davon erzählen, dass ihre Eltern in Syrien aufgewachsen sind. Dann versuchen wir, alle diese Orte auf der Landkarte zu finden", sagt Carsten Dohrmann. So werden alle Biografien zu etwas Besonderem und jeder kann von seinen Erfahrungen berichten.

Die Arbeit am Produkt ist wichtig – dadurch fällt das Erzählen leichter

Schulleiter Carsten Dohrmann schaut sich die Entwürfe der Bilder an.
Schulleiter Carsten Dohrmann.

"Die Kinder setzen sich die ganze Zeit mit sich selbst auseinander, ohne dass wir es thematisieren. Denn eigentlich steht das Buch im Mittelpunkt", sagt Kerstin Holst. "Durch die Verschiebung des Fokus fällt es den Kindern viel leichter, über persönliche Dinge zu sprechen." Die Schule Stichnathstraße liegt im Bremer Bezirk Kattenturm. 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund. Daher ist es ihm sehr wichtig, dass jedes Kind an seiner Schule an diesem Projekt teilnehmen kann. "Wir führen das Biografie-Projekt zurzeit in den dritten Klassen durch. Wir haben gesehen, dass es dort gut platziert ist. Aber eigentlich kann man dieses Projekt in jedem Alter angehen."

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