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Interview

Globale Medienphänomene integrativ nutzen

Die globalisierte Medienlandschaft sorgt dafür, dass Kinder überall auf der Welt die gleichen Figuren und Geschichten kennen. Das lässt sich im Unterricht mit geflüchteten Kindern gut einsetzen. Medienpädagogin Dr. Iren Schulz ist überzeugt von der positiven Wirkung aktiver Medienarbeit.

Ein Kind ist als Spider-Man rot und schwarz geschminkt. Es lacht mit offenem Mund.
© pixabay
Kinder auf der ganzen Welt kennen Spider-Man

Die Expertin

Porträt von Dr. Iren Schulz, einer Frau mit dunkelblonden Haaren, vor einem Bücherregal.
© Schau Hin!

Dr. Iren Schulz ist promovierte Medienpädagogin und Mediencoach beim Elternratgeber SCHAU HIN!. Als freie Dozentin im Bereich Medienkompetenz und Medienbildung gestaltet sie deutschlandweit Fortbildungen, Workshops und Projekte. An der Universität und an der Fachhochschule Erfurt ist Iren Schulz Dozentin und entwickelt mit Studierenden Konzepte und Projekte der Aktiven Medienarbeit.

Was verstehen Sie unter aktiver Medienarbeit?

Iren Schulz: "Die aktive Medienarbeit ist eine Methode der handlungsorientierten Medienpädagogik. Sie setzt immer an der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen an und holt sie bei Fragen ab, die sie sowieso umtreiben. Freundschaft, Beziehung, Heimat, Grenzen – das sind Themen, die alle jungen Menschen beschäftigen. Für jede Lebensphase gibt es Entwicklungsfragen, also spezifische, zwar kulturell geprägte aber mehr oder weniger universelle Herausforderungen. Wo will ich hin? Zu wem gehöre ich? Medien helfen dabei, diese Fragen zu beantworten. Medienhelden spielen in der Kindheit eine große Rolle und sind wichtige Orientierungsvorlagen."

Und diese Medienhelden spielen inzwischen oft global eine Rolle?

I.S.: "Genau. Disney-Prinzessinnen wie Elsa die Eiskönigin oder Comic-Helden wie Spider-Man prägen Generationen von Mädchen und Jungen. Musikstars, YouTube-Stars sind auch oft weltweit bekannt, Fußballstars genauso. Auch so ein Event wie die Fußball-WM ist ja auf jeden Fall ein globales Medienereignis. Und da in jedem Land der Welt Fernseher stehen, können auch fast alle Kinder etwas dazu sagen und sind begeistert, egal wo sie herkommen. Insofern sind das immer ganz tolle Anknüpfungspunkte, um Kinder in ihrer Lebenswelt abzuholen und ihnen nicht ein konstruiertes Thema von außen aufzusetzen."

Wie funktioniert das konkret?

I.S.: "In der aktiven Medienarbeit erstellen die Kinder und Jugendlichen in kleinen Gruppen eigene Medienprodukte. Die sind für sie auch das Highlight und der Antrieb für das ganze Projekt. Sie haben am Ende einen tollen Film, ein Comic oder eine Fotostory. Pädagogisch betrachtet ist aber der Prozess das eigentlich Wichtige, also das Lernen über die Funktionsweise von Medien. Dabei kann jeder und jede Kompetenzen mitbringen, die er oder sie schon hat. Bei geflüchteten Kindern kann man Sprachbarrieren gut umschiffen und überwinden, indem man zum Beispiel audiovisuell arbeitet."

Und wie ziehe ich das thematisch auf?

I.S.: "Am besten setzt man einen inhaltlichen Rahmen, der so weit ist, dass jeder etwas einbringen kann. Themen wie 'Grenzen' oder 'Beziehung', dazu hat jedes Kind eine eigene Erfahrung, die es mitbringen und verarbeiten kann. Im Prozess findet dann eine Reflexion über das Thema statt, aber natürlich auch ein soziales Lernen, weil man sich im Team arrangiert: Wer filmt? Wer macht das Drehbuch? Wer bringt Requisiten mit? Das bedeutet, dass auch Kinder, die sonst nicht immer 'Schnellsten' und 'Besten' in der Klasse sind, ihre Kompetenzen einbringen und Erfolgserlebnisse haben."

Sollte ich denn etwas beachten, wenn ich Kinder mit Fluchterfahrung in der Klasse habe?

I.S.: "Man muss natürlich schauen, was ihre bisherigen Medienerfahrungen sind, damit man die Kinder nicht direkt überfordert. Dann gilt es natürlich auf Dinge wie Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte zu achten. Ich habe zum Beispiel schon erlebt, dass geflüchtete Kinder nicht gerne gefilmt werden wollen, nicht gefilmt werden dürfen oder dass ihre Namen nicht genannt werden sollten. Es ist wichtig, das vorher zu klären und dabei vielleicht auch die Familie miteinzubeziehen. Kultursensible Arbeit ist außerdem wichtig. Sie sollte nicht den Mittelpunkt des Projekts bilden, aber ich sollte wissen: Wen habe ich vor mir? Wo kommen die Kinder her?"

Muss ich mir Gedanken machen, ob ein Kind bei einem Thema wie "Grenzen" plötzlich retraumatisiert wird, weil es etwas nachspielt?

Eine Wonder Woman Actionfigur vor einem unscharfen Hintergrund
© pixabay
Wonder Woman als Medienheldin

I.S.: "Ich glaube, wenn man bestimmte Auslegungen des Themas nicht explizit in den Mittelpunkt stellt, sind solche Themen so gefährlich oder ungefährlich wie andere auch. Wenn ich mich als Pädagogin oder Pädagoge aber generell unsicher fühle, gibt es vorbereitete Medienmaterialien, zum Beispiel die Filmkoffer von Cinemanya vom Goethe-Institut oder Kinder der Welt vom Prix Jeunesse, die dort besonders sensibel sind und pädagogische Begleitmaterialien haben. Die Herausforderung ist natürlich immer da. Ich würde mich aber nicht davon abschrecken lassen. Man kann den thematischen Rahmen so stecken, dass die Kinder selbst entscheiden können, was sie einbringen und nicht genötigt sind, in ihrer Psyche herumzustochern. Dann ist man auf einer relativ sicheren Seite."

Themenvorschlag: "Medienhelden"

Iren Schulz: "Stellen Sie den Kindern zum Einstieg Fragen zu ihren Helden, zum Beispiel: Was sind unsere Helden? Was ist an ihnen heldenhaft? Gibt es kulturspezifische Gemeinsamkeiten und Unterschiede? Was nehmen sich die Kinder daraus, was wünschen sie sich? Kinder sind mit den Medienhelden, die es gibt, ja oft gar nicht zufrieden. Mädchen sollen immer hübsch aussehen und auf den Prinzen warten und Jungs sind Einzelkämpfer, die nie traurig und schwach sein dürfen.

In einem zweiten Schritt können die Kinder ihre eigenen Medienhelden bauen, kreativ werden und sich zum Beispiel mit mitgebrachten Materialien eine Figur basteln, die dann auch benannt und mit Eigenschaften ausgestattet wird.

Für geflüchtete Kinder kann das bedeuten, dass sie aus ihrem Leben von zu Hause etwas mitbringen können, und dann vielleicht merken, dass hier gar nicht alles so fremd ist und es viele Gemeinsamkeiten gibt. Damit hat man eine Basis geschaffen, Gesprächsanlässe und erste Berührungspunkte, die dann vertieft werden können. Dazu kommen Erkenntnisse über die Mechanismen von Medien  – man muss zum Beispiel nicht wie Barbie sein, um eine tolle Frau zu sein. 

Die Ergebnisse können dann in der Einrichtung ausgestellt oder zum Beispiel bei einem Tag der offenen Tür präsentiert werden."

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