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Praxisbeispiel

Biodiversität in der Stadt nutzen

Menschen in der Stadt schätzen Artenvielfalt, egal wo sie geboren sind. Das gilt besonders, wenn sie häufig Naturerfahrungen erleben können. Die Ergebnisse einer groß angelegten Studie in fünf europäischen Städten lassen sich auch für die Praxis nutzen.

Blick von oben auf Berlin
© Stiftung Haus der kleinen Forscher
Auch in der Stadt finden sich viele Tier- und Pflanzenarten

Finden Menschen Natur in der Stadt wichtig? Und ist das abhängig davon, wo sie herkommen? Wissenschaftler haben Menschen in Berlin, Malmö (Schweden), Bari (Italien), Ljubljana (Slowenien) und Edinburgh (Großbritannien) gefragt, die Stadtnatur nutzen. Mit einem Fragebogen erfassten sie unter anderem, wie die Teilnehmenden unterschiedliche Grünflächen in der Stadt, wie Parkanlagen, Brachflächen, Wälder oder Straßenbegleitgrün bewerten und nutzen. Das Ergebnis zeigt: Sobald Menschen schon länger in der Stadt leben, spielt ein Migrationshintergrund keine Rolle mehr. Auch nicht die Sprache, die in der Familie oder WG hauptsächlich gesprochen wird.

"Wenn Menschen in einem anderen Land geboren sind, haben sie mitunter noch eine andere Bewertung von Natur und Artenvielfalt und nutzen die Grünflächen auch anders. Bei ihren Kindern oder Enkeln kann man statistisch keinen Unterschied mehr feststellen. Das hat uns sehr überrascht," sagt Dr. Leonie Fischer, Mitarbeiterin an der Technischen Universität Berlin.

Eine hohe Meinung von urbaner Artenvielfalt

Porträtbild von Dr. Leonie Fischer
© Stiftung Haus der kleinen Forscher
Dr. Leonie Fischer

Auch wurde gefragt, wie die Menschen Natur nutzen. Machen sie Sport, treffen sie Freunde, entspannen sie oder beobachten sie Vögel? "Tatsächlich gehen nicht wenige Menschen in Parks und Grünanlagen, um Früchte, Beeren oder Blumen zu sammeln. Das finde ich ist ein sehr gutes Zeichen, denn es zeigt, dass die Menschen offenbar ein Bedürfnis haben, sich mit Natur zu verbinden. Und das machen alle Menschen, ganz gleich welchen Hintergrund sie haben. Wir können durch die Studie belegen: Menschen haben eine hohe Meinung von urbaner Artenvielfalt und das geht durch alle Bevölkerungsgruppen. Wir brauchen Biodiversität – auch in der Stadt."

Zugang zur Natur muss ermöglicht werden

In einer separaten Befragung wurden die Spuren der Vergangenheit deutlich. Befragte gaben an, dass sie gerne die Dinge in der Natur erleben, die sie schon als Kinder gemacht haben. Erwachsene, die schon als Kinder mit ihren Eltern in die Pilze gegangen sind, sammeln zum Beispiel auch heute noch gerne Pilze. "Wenn man früh eine Bindung aufbaut, trägt man das in sich", sagt Leonie Fischer. "Die Ergebnisse mehrerer Studien der letzten Jahre sowohl von uns als auch von anderen Arbeitsgruppen setzen sich wie Puzzleteile zusammen. Vieles weist darauf hin, dass man den Menschen den Zugang zu Natur ermöglichen muss. Oft ist dann auch egal, ob sie wild oder gepflegt ist."

Praxisbezug: Der Biodiversitätsblick

In einem Schulgarten wachsen Pflanzen vor der Hauswand
© Stiftung Haus der kleinen Forscher
Blick in einen Schulgarten

Leonie Fischer berichtet:

"Wir haben unsere Erkenntnisse direkt in die Praxis getragen und wollten Naturerfahrungen für Kinder – auch zu unterschiedlicher Natur – fördern. An der Caspar-David Friedrich Schule in Marzahn-Hellersdorf war der Caterer weggebrochen und alle standen auf einmal ohne Essen da. Kinder und Schulmitarbeitende haben sich daher gefragt: Woher kommt eigentlich unser Essen? Die Schule hatte schon einen kleinen Schulgarten und einige Mitarbeitende, Schülerinnen und Schüler entwickelten die Idee: Wir wollen den Garten erweitern und dort unsere Nahrung produzieren. Da sind wir dann mit eingestiegen.

Gemeinsam haben wir uns überlegt: Was braucht es an Biodiversität? Im Schulgarten können wir ja vielleicht mehrere unterschiedliche Tomatensorten anbauen und nicht nur eine. Oder wir können ein Wildkräuterbeet pflegen. Neben der Auswahl der Nutzpflanzen war aus unserer Sicht auch das passende Management Thema: Also nicht immer alles um die Beete abmähen, es darf dort auch mal hochwachsen, blühen. Der klassische Schulgarten wurde um Aspekte rund um die Artenvielfalt erweitert.

Es ging dann aber noch weiter: Neben der Schule liegt eine große Brache. Gemeinsam mit Beteiligten aus der Bezirksverwaltung, Anliegern und gemeinnützigen Vereinen haben die Schülerinnen und Schüler überlegt, mit welchen einfachen Mitteln man die Dinge, die dort sind, einfacher zugänglich machen kann. Wir haben auch allgemein die Bedürfnisse der Schülerschaft abgefragt: Wollt ihr die Brache nutzen? Wir haben gefragt und zugehört und schließlich kamen viele ganz konkrete Vorstellungen zu Tage: Es sollte nicht unheimlich sein, es sollte Sitzgelegenheiten geben und eine Solartankstelle fürs Handy. Das Projekt war so erfolgreich, dass die soziale Stadt momentan eine volle Stelle über drei Jahre finanziert, um das Konzept mit anderen Bildungseinrichtungen, zum Beispiel einer Kita in der Nachbarschaft, zu teilen."

Über die Studien

Leonie Fischer arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Ökosystemkunde/Pflanzenökologie an der TU Berlin. In unserem Interview bezieht sie sich unter anderem auf die folgenden Studien: 

Studie zur Bewertung von Artenvielfalt in vier städtischen Grüntypen (EU-Städte): Fischer, L.K., Honold, J., Cvejić, R., Delshammar, T., Hilbert, S., Lafortezza, R., Nastran, M., Nielsen, A.B., Pintar, M., van der Jagt, A.P.N., Kowarik, I. (2018) Beyond green: Broad support for biodiversity in multicultural European cities. Global Environmental Change 49, 35-45.

Studie über den Einbezug von Biodiversität im Schulalltag, insb. in Schulgartenprojekt: Fischer, L.K., Brinkmeyer, D., Karle, S.J., Cremer, K., Huttner, E., Seebauer, M., Nowikow, U., Schütze, B., Voigt, P., Völker, S., Kowarik, I. Biodiverse edible schools: Linking healthy food, school gardens and local urban biodiversity. Urban Forestry and Urban Greening, im Druck.

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