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Andere Länder, andere Gesten:
"Ich schlage dich!" und "Pass auf!"

In den ersten beiden Folgen unserer Reihe "Andere Länder, andere Gesten" ging es ums Nachdenken und Zuhören, ums Beschwichtigen und um ein wenig Schadenfreude. Jetzt wird es ernst: In der dritten Folge zeigen uns die Mädchen und Jungen aus der Willkommensklasse der Berliner "Grundschule am Mohnweg" eine Geste, die in arabischsprachigen Ländern eine Drohung darstellt und erklären uns, was das Streichen eines imaginären Bartes bedeutet.

1. Daumen und Zeigefinger bilden eine ovale Form oder einen Ring: "Ich schlage dich!"

Ein Mädchen hät ihre Hand hoch und presst Daumen und Zeigefinger aufeinander.
Die Geste sieht hier noch ganz nett aus - aber eigentlich ist diese Handhaltung als Drohung zu sehen.

Daumen und Zeigefinger bilden einen Kreis, alle anderen Finger sind abgespreizt – wer in Deutschland dieses Zeichen macht, möchte ausdrücken, dass sie oder er etwas "sehr gut" oder "ausgezeichnet" findet. In arabischsprachigen Ländern ist die Bedeutung eine komplett andere: Wenn ein Arabisch sprechender Mensch diese Geste sieht, fühlt er oder sie sich bedroht. Die Geste bedeutet für sie oder ihn so viel wie: "Pass auf, sonst schlage ich dich!"

Das hängt mit der ursprünglichen Bedeutung der Handhaltung zusammen: Legt eine sprechende Person ihren Zeigefinger auf den Daumen, bildet sie eine symbolische "Null". Diese Geste bedeutet daher in einem Gespräch sinngemäß "Du bist wertlos". Wenn sie die Hand auf und ab bewegt wie in unserem Video, bedeutet es so viel wie: "Ich werde dich schlagen oder töten".

Eine Sprecherin oder ein Sprecher kann dieses Zeichen aber auch benutzen, um seine oder ihre Aussage zu präzisieren oder die Aufmerksamkeit des Zuhörers auf den Inhalt der Aussage zu lenken. In unserem Beispiel bekommt die Drohung dadurch noch mehr Gewicht, vergleichbar mit einem Schwur: "Ich schwöre, ich werde dich schlagen, wenn…" oder "Pass genau auf, was ich sage, sonst …".

Wie sieht es aus, wenn man im Arabischsprachigen klar machen möchte, dass man jemanden schlagen wird?

2. Einen imaginären Bart streicheln: "Pass auf!"

Den Kindern der Willkommensklasse der "Grundschule am Mohnweg" war diese Geste sehr geläufig: Das Streicheln eines imaginären Barts bedeutet "Pass auf!" – sowohl Jungen als auch Mädchen benutzen diese Geste.

In der Fachliteratur ist diese Geste allerdings nicht eindeutig zuzuordnen: Hier zeigt sich, dass bei Gesten, wie denen aus unserer Reihe, auch immer der Kontext eine Rolle spielt.

So finden sich in der Literatur zwar einige Angaben zum Streichen eines imaginären Bartes, jedoch sind die dazugehörigen Äußerungen nicht dokumentiert, erklärt Dr. Silva Ladewig, Professurvertretung am Lehrstuhl für Sprachgebrauch und multimodale Kommunikation an der Europa-Universität Viadrina: "Die Geste wurde u.a. in Marokko beobachtet. Hier bedeutet das Streichen des Kinns 'Warte, ich werde dich schon kriegen!' Sie könnte also eine Form der Drohung verkörpern. Der Bart steht hier eventuell als Symbol für Männlichkeit."

Eine weitere Interpretation wäre, die Äußerung und die Geste als Produkt eines Denkprozesses zu sehen: "Pass auf!" könnte im Sinne von "Ich hab die Lösung!" verstanden werden. Das Bartstreichen findet sich nämlich auch weltweit im Kontext der Darstellung eines Denkprozesses.

Einen imaginären Bart streicheln kann unterschiedliche Bedeutungen haben

Vorsicht!

Einige Handzeichen, die wir vollkommen selbstverständlich verwenden, haben in anderen Ländern eine ganz andere Bedeutung. Hier kann es zu unbeabsichtigten Missverständnissen kommen. Nachfolgend finden Sie zwei Beispiele:

Eine Hand mit erhobenen Daumen
"Daumen hoch"

Daumen hoch!

In Deutschland benutzen wir diese Geste als Ausdruck von Zustimmung oder um zu zeigen, dass wir etwas "Gut" oder "Toll" finden. Mit dieser Bedeutung benutzen Sie die Geste vielleicht auch, um Kinder zu loben.

Hier ist große Vorsicht geboten: In arabischsprachigen Ländern und Kulturen, aber auch in anderen Ländern,  stellt der erhobene Daumen ein Phallussymbol dar und ist eine schwere Beleidigung. In der Türkei gilt die Geste als Aufforderungssignal unter Homosexuellen.

Da diese Geste große Ähnlichkeit mit dem "Tramperdaumen" aufweist, winken Anhalter z.B. in kulturellen Kreisen, wo die beleidigende Daumengeste verbreitet ist, mit der flachen Hand.

Zeigefinger und kleiner Finger zeigen nach oben, um die Ohren eines Fuchses anzudeuten, Mittelfinger und Ringfinger werden gegen den Daumen gepresst, um das Maul eines Fuches zu imitieren.
"Leisefuchs"

Leisefuchs

Viele von Ihnen kennen den "Leisefuchs" aus dem Alltag in der Kita oder Grundschule : Steigt der Lärmpegel, streckt die pädagogische Fach- oder Lehrkraft Zeigefinger und kleinen Finger nach oben, um die Ohren eines Fuchses anzudeuten, und presst Mittelfinger und Ringfinger gegen den Daumen, um das Maul eines Fuchses zu imitieren. Der "Leisefuchs" spitzt seine Ohren und hält sein Maul geschlossen, die Kinder sollen es machen wie er: Aufmerksam zuhören und nicht mehr sprechen.

Diese markante Geste ist aber auch das Erkennungszeichen der umgangssprachlich als "Graue Wölfe" ("Bozkurtlar") bezeichneten Anhänger der rechtsextremen türkischen Partei der Nationalistischen Bewegung (Milliyetçi Hareket Partisi): Daumen und Finger des rechten ausgestreckten Arms formen den Kopf eines Wolfes.

Als Feindbilder sehen die "Grauen Wölfe" – neben Juden, Christen, Armeniern, Griechen, Israel, der EU und den USA – vor allem Kurden. Die Grauen Wölfe verbreiten auf einschlägigen Internetseiten und bei Veranstaltungen nationalistisches und rassistisches Gedankengut, es kommt immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und Übergriffen auf Andersdenkende. Für kurdische Mädchen und Jungen, aber auch für Kinder mit türkischen Wurzeln, kann der Einsatz des "Leisefuchs" in der Kitagruppe befremdlich, im schlimmsten Fall sogar verstörend wirken.

Quelle: Verfassungsschutzbericht 2015

Info

Wir danken den Mädchen und Jungen der Willkommensklasse der "Grundschule am Mohnweg" und Frau Dr. Silva Ladewig, Professurvertretung am Lehrstuhl für Sprachgebrauch und multimodale Kommunikation an der Europa-Universität Viadrina, für die Unterstützung.

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